Den medialen Raum muss man sich nehmen

„Bei vielen Medien ist das Wort Diversität nur ein Hashtag, der viele Klicks einbringt, aber nicht wirklich gelebt wird“

Menerva Hammad

Die Autorin Menerva Hammad weiß: Den medialen Raum muss man sich nehmen. QAMAR wollte von ihr wissen, wie das funktioniert.

Interview: Muhamed Beganović Fotos: Hibat-Ullah Khelifi

Frau Hammad, was bedeutet Ihnen das Schreiben?

Das Schreiben macht mich aus. Meine Gedanken, Meinungen, Erlebnisse und einfach alles, was mich zu Menerva macht, sogar meine Träume, schreibe ich auf. Das, was für andere die Malerei, die Musik, der Film oder der Tanz ist, ist für mich eben das Schreiben. Denn auch das ist Kunst, die – im besten Fall – Menschen zum Nachdenken und Handeln anregt. Ich mag es, Sachen aufzuschreiben, egal ob es wichtige oder irrelevante Details sind. Es ist fast schon eine Obsession. Wenn ich Dinge nicht aufschreibe, dann wirren sie in meinem Kopf herum und ich kann mich auf sonst nichts konzentrieren, geschweige denn schlafen.

Ende 2019 ist Ihr erstes Buch „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ erschienen. Darin geht es um die Geschichten von Frauen aus verschiedenen Ecken der Welt – Frauen, die Sie über eine Zeitspanne von 13 Jahren per Zufall kennengelernt haben. Was hat Sie dazu bewogen, ihre Geschichten aufzuschreiben?

Die Geschichten haben mich so bewegt, dass ich nichts von ihnen vergessen wollte. Ich wollte sie festhalten, um sie später wieder lesen zu können, wann immer ich es wollte. Das ist für mich, wie wenn ich ein gutes Lied höre, das mich bewegt und das ich dann immer wieder hören will. Ich wollte mit dem Buch die Leser:innen berühren und etwas in ihnen auslösen. Und ich wollte mit Stereotypen in Bezug auf Frauen aufräumen.

In einem der insgesamt 18 Kapitel geht es um eine ehemalige, rehabilitierte Genitalverstümmlerin. Der Text ist mitreißend und schwer verdaulich zugleich. Was hat Sie motiviert, diese Geschichte zu veröffentlichen?

Die Dame ist ein lebender Beweis dafür, dass es nie zu spät ist, das Richtige zu tun. Mit ihrer Lebensgeschichte wollte ich anderen Menschen anhand einer realen – unglaublich grausigen – Geschichte zeigen, dass echte Veränderung möglich ist. Dazu kommt aber auch ein anderer Aspekt: Wenn es um die weibliche Genitalverstümmelung geht, folgt sehr oft die Behauptung, das sei eine islamische Tradition, was völliger Unfug ist. Ich wollte das schwarz auf weiß widerlegen.

Sie haben einige Jahre dafür gekämpft, das Buch auf den Markt zu bringen. Als es dann endlich heraußen war, landete es auf den Bestsellerlisten. Wie erklären Sie sich die lange Suche?

Vielleicht war das Buch, vielleicht war ich noch nicht bereit. Ich glaube fest daran, dass alles seine Zeit hat. Es kann auch sein, dass man einer Muslimin, die nicht über Kopftücher und „Kopftuchfrauen“ lästert, keine Bühne bieten wollte. Möglicherweise sind Bücher, die Menschen auseinanderbringen, eher ein Garant für gute Verkaufszahlen. Lange dachte ich, ich sei vielleicht einfach nicht gut genug, nicht wert, gelesen zu werden. Heute weiß ich, dass zumindest das nicht stimmt.

Der deutschsprachige Buchmarkt ist übersättigt von Ratgebern und Geschichten der Selbstentdeckung, doch muslimische Autor:innen findet man nach wie vor kaum in den Regalen. Bemerken Sie da einen Wandel? Eine verstärkte Nachfrage nach muslimischen Stimmen?

Wenn ich in Österreich unterwegs bin, dann sehe ich Muslim:innen nur auf AMS-Plakaten oder Anzeigen für Deutschkurse, dabei führen sie auch ein Leben abseits von Arbeitslosigkeit. Mittlerweile sind Muslim:innen in so gut wie jeder Branche vertreten und stellen einen großen Teil der Weiterentwicklung dieser Gesellschaft dar – nur ist diese Seite der Münze medial nicht präsent. Die Nachfrage nach muslimischen Geschichten kommt deshalb primär von Gleichgesinnten. Eine Oma, die in Favoriten lebt, von den Türken um sich herum nur genervt ist und brav die FPÖ wählt, wird mein Buch nicht lesen. Sie würde mich wahrscheinlich in der Straßenbahn anspucken. Das Gute ist aber, dass Muslim:innen heutzutage niemanden mehr brauchen, der ihnen eine Bühne bietet. Jeder kann einen Blog, einen Podcast oder einen Social-Media-Kanal starten und sich so eine Reichweite schaffen. Das würde ich jedem empfehlen. Ich persönlich führe einen erfolgreichen Blog und hätte das Buch nicht wirklich gebraucht, aber ich wollte es unbedingt veröffentlichen, um mir selbst zu beweisen, dass ich eine Autorin bin.

Sie sind auch als Journalistin tätig und haben unter anderem eine regelmäßige Kolumne bei der Zeitschrift „Wienerin“. Welche Erfahrungen machen Sie mit den Themen Inklusion und Diversität in den Medien?

Am Anfang meiner journalistischen Karriere – was schon über ein Jahrzehnt her ist – war ich meistens die einzige Muslimin in jeder Redaktionssitzung und somit automatisch die Islamexpertin, die über den IS, Zwangsheirat, Ehrenmorde, Kopftuchgeschichten schreiben musste. Das waren zwar Themen, die mich interessiert haben, aber ich wollte nicht ausschließlich darüber berichten. Leider hat es sich dann bei mir – und auch bei anderen Muslim:innen – so entwickelt, dass wir selbst ein falsches Bewusstsein entwickelt haben, nämlich jenes, dass wir für diese Themen verantwortlich sind. Wir sind nichts anderes als Muslim:innen von Beruf. Es hat Jahre gedauert, bis ich mir dieses Bewusstsein aus meinem Kopf herausgeboxt habe und anfing über alles Mögliche zu schreiben. Das klappt zum Beispiel bei der „Wienerin“ ganz gut. Bei vielen anderen Medien ist das Wort Diversität nur ein Hashtag, der viele Klicks einbringt, aber nicht wirklich gelebt wird.

Gab es Momente, wo Sie daran gedacht haben, Ihre Karriere als Journalistin aufzugeben?

Im Herbst 2018 habe ich für eine Weile mit dem Journalismus aufgehört. Ich war damals verzweifelt auf Jobsuche und niemand wollte mich als Journalistin einstellen, doch als Mutter einer Zweijährigen habe ich irgendeine Anstellung gebraucht. Ich hatte weder Zeit noch Kraft, um auf eine Selbstfindungsreise zu gehen und mich zu verwirklichen. Mir wurde dann eine Stelle als Redaktionsassistentin angeboten und ich habe angenommen. Der Job war dann auch gut bezahlt, die Chefin war toll und die meisten Kolleg:innen auch. Es war jedoch hart, zu wissen, dass man keine eigenen Geschichten schreiben kann. Aber das war damals einfach nicht meine Priorität, ich brauchte Geld zum Leben. Ich denke, dass das der Grund ist, weshalb viele begabte Schreiber:innen aufgeben. Talent hilft wenig, wenn man als freiberufliche Mitarbeiterin drei Artikel im Monat verkauft und keinen fixen Job hat. Wenn man Kinder hat, dann kommen auch noch andere Fixkosten (von Windeln bis Kindergartengebühren) dazu. Den meisten bleibt dann keine Zeit und kein Platz übrig, um sich ungelebten Träumen zu widmen. Wenn ich während der Zeit als Redaktionsassistentin nicht auf gut Glück ein 30-seitiges Konzept für mein Buch dem Braumüller Verlag geschickt hätte, würde ich wahrscheinlich immer noch als Assistentin die Wochenvorschau schreiben, anstatt mich auf meine eigenen Geschichten zu fokussieren.


Lange glaubte Menerva Hammad, sie sei als Autorin nicht gut genug, um gelesen zu werden. Dann schrieb sie einen Bestseller.

Welche sind das zurzeit?

Ich arbeite momentan an meinem zweiten Buch. Diesmal geht es um die zynische Seite der Elternschaft. Es wird kein Ratgeber, ich bin ja auch keine Pädagogin. Viele Menschen fragen sich bekanntlich, wie das Leben nach dem Tod aussieht – also dachte ich mir, ich schreibe einfach darüber, wie das Leben nach dem Kinderkriegen aussieht. Ich wollte der Frage nachgehen, was sich alles – vor allem für die Eltern als Liebespaar – ändert.

Apropos Liebespaar: Sexualität – und hier vor allem die weibliche Lust – ist ein Thema, dem Sie sich in Blog und Buch bereits gewidmet haben. Und obwohl es früher in den muslimischen Gesellschaften üblich war, offen über Sexualität zu reden, so gilt es heute als ein Tabu. Wollen Sie bewusst an diese alte Tradition anknüpfen? 

Sex ist eines der wichtigsten Dinge zwischen Menschen. Wir kümmern uns bis ins peinlichste Detail um so viel oberflächlichen Schnickschnack, wenn es aber um eine der Essenzen zwischen Menschen in einer Liebesbeziehung geht, dann kommt die Scham – dort, wo sie keinen Platz haben sollte, dort, wo man sich eigentlich fallen lassen können sollte. Ich habe das nie verstanden, hatte aber schon früh sehr viele Fragen zu diesem Thema. Angefangen hat meine Neugier mit dem weiblichen Körper und der Menstruation. Ich habe also darüber recherchiert und mit der Zeit kamen andere Themen hinzu. Als ich merkte, dass viele Frauen dieselben Fragen haben wie ich, habe ich meine Recherchen auf meinem Blog veröffentlicht. Es ist ein Herzensthema für mich, weil es zur menschlichen Natur gehört.

Frau Hammad, wenn Sie als Blattmacherin eine der großen deutschsprachigen Tageszeitungen übernehmen könnten, für welche würden Sie sich entscheiden und was würden Sie ändern?

Die Krone. Dieses Medium verbreitet nichts von dem, was ich in meinem Österreich haben möchte. Ich würde ausschließlich Redakteur:innen einstellen, die reflektiert sind und dieses Land und seine Vielfältigkeit lieben. Die neue Kronen Zeitung müsste dann ein jüngeres, frecheres und viel ehrlicheres Image aufbauen. Es wäre ein Ort, wo Menschen zusammenfinden, anstatt sich mit Steinen zu bewerfen, ein Ort, an dem Diversität gefeiert wird, denn sie ist schön und kein Verbrechen. Die Blattlinie wäre also menschenfreundlicher. Medien prägen Meinungen und sind viel mächtiger, als uns bewusst ist. Medienmacher:innen wissen das und nutzen ihre Blätter, um die Gesellschaft zu spalten. Diesen Spalt würde ich gerne schließen.

Menerva Hammad ist Bloggerin, Autorin und Journalistin aus Wien. Auf ihrem Blog schreibt sie über Reisen mit Kind, weibliche Sexualität und „Bad-Hijab-Days“. Für ihr 2019 erschienenes Buch Wir treffen uns in der Mitte der Welt (Braumüller Verlag) sammelte sie auf der ganzen Welt Geschichten von außergewöhnlichen Frauen, denen sie Gehör verschaffen wollte.

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