Maghrebinisch für Fortgeschrittene

Mit dem von ihnen in Berlin gegründeten deutsch-algerischen Kulturverein yedd – die Hand – spannt die Familie Belakhdar einen Bogen zwischen den beiden Seiten des Mittelmeers. Denn auch kulturelles Brückenbauen ist Handarbeit.

Text: Jana Treffler Fotos: Nabil Farag

Krah min dzair – was heißt das auf Deutsch?“ Fares blickt durch seine Brille auf die fünf Schüler:innen in dem kleinen Projektcafé in Berlin-Wedding und fährt sich mit der Hand durch den Bart. „Er hat genug von Algerien“, wäre die richtige Antwort. Sich selbst meint er damit nicht, immerhin steht der junge Lehrer, der eigentlich Informatiker ist, an diesem Winterabend da und versucht ein paar Deutschen algerisches Arabisch beizubringen. Was manchmal nicht ganz so leicht von der Hand gehen will. An der Weitergabe seiner Muttersprache scheint dem zweifachen Familienvater, dessen Kinder zweisprachig aufwachsen, doch einiges zu liegen. Woher sonst diese Geduld?

Ein Schüler an diesem Abend ist Neïl Belakhdar. Der 28-Jährige will hier die Muttersprache seines Vaters lernen und ist zugleich auch Mitorganisator – denn der Verein hinter dem Sprachkurs ist seiner, vielmehr der seiner Familie. Neïls Mutter gründete vor fast 15 Jahren den deutsch-algerischen Kulturverein yedd. Yedd ist das arabische Wort für Hand: die Hand, die malt, die schreibt, die musiziert. Die Hand, die eine Brücke zwischen den beiden Seiten des Mittelmeers baut. Und die Hand, die spricht, denn mit Sprachen begann alles bei der Familie Belakhdar.

Ostberlin, 1970er Jahre. Ein algerischer Germanistikstudent und eine deutsche Romanistikstudentin treffen in der Berliner Staatsbibliothek aufeinander. Es funkt. Eine erste sprachliche Annäherung, dann gehen die Bürgerin und der Bürger der beiden sozialistischen Bruderländer gemeinsam aus. Und beschließen ihr Leben zu teilen.

Radouane und Christine sind von Sprachen begeistert. Er lernt Deutsch, sie Italienisch und Französisch. Letzteres wird ihr sprachliches Bindeglied. Als Algerier spricht Radouane wahrscheinlich genauso gut Französisch wie seine Muttersprache, Arabisch in algerischem Dialekt. Ein Erbe der Kolonialherrschaft, die in Algerien erst 1962, nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg, endete. In den Siebzigern ist das noch eine nahe Erinnerung.

In dem relativ frisch unabhängig gewordenen Land gibt es also einiges zu tun. Für Radouane steht fest, dass er nach dem Abschluss nicht in der DDR bleiben will. In Algerien hat er eine Aufgabe, es gilt ein Land aufzubauen. Jede Hand, jeder Kopf wird gebraucht. Christine ist einverstanden, und sie ziehen Anfang der 1980er Jahre mit ihren zwei kleinen Söhnen – der eine erst ein paar Monate alt – nach Algier, wo beide beginnen, an einer Hochschule zu unterrichten.

„Am Anfang war es nicht immer leicht“, erinnert sich Radouane Belakhdar. Seine Familie lebt in Ostalgerien, in Annaba. Mit der Kinderbetreuung sind sie in Algier auf sich allein gestellt. Kurzerhand gründet Christine einen Kindergarten. Später auch noch eine Grundschule. Auch hier spielt Sprache eine Rolle. Im algerischen Alltag wird gerne und oft zwischen verschiedenen Sprachen hin und her gewechselt, „in den algerischen Schulen setzte man deshalb gerne die arabische Sprache mit der islamischen Religionserziehung gleich“, erzählt Radouane. Es ist die Zeit um 1988/89 – die Partei Islamische Heilsfront (Front islamique du salut – FIS) wird gegründet, religiöser Fundamentalismus wird in der Gesellschaft stärker spürbar. „Wir wollten nicht, dass unsere Kinder indoktriniert werden“, sagt Radouane. Die Neugründung ihrer Schule bewegt sich in einem rechtlichen Graubereich. „Wir waren aber nie in der Illegalität“, betont Christine. Das verfassungsgesetzlich gewährleistete Recht auf Schule in Algerien deckt ihr Vorhaben. Es ist keine Überraschung, dass in ihrer Schule ein besonderes Augenmerk auf Sprachen liegt: Arabisch, Französisch und die Sprache der Amazigh (Selbstbezeichnung der Berber) werden unterrichtet.

Anfang der 1990er Jahre putscht das Militär gegen den FIS, als sich dessen Sieg bei den Parlamentswahlen abzeichnet. Ein Bürgerkrieg bricht aus. In diesen Jahren leben die Belakhdars in Angst. Sie beschließen, das Land nach zehn Jahren wieder zu verlassen. Mit ihren mittlerweile fünf Kindern kehren sie schweren Herzens nach Berlin zurück. Unter ihnen ist jetzt auch Neïl. Wäre der Krieg nicht gewesen, wären sie geblieben. Weder die DDR noch die BRD noch ein vereinigtes Deutschland hätten sie Algerien vorgezogen. „Ich habe mich dort sehr wohl und frei gefühlt“, sagt Christine. In Algerien hatten die Belakhdars eine Aufgabe. In Deutschland fühlen sie sich unnötig, fehl am Platz. Wer braucht hier schon den hundertsten Germanisten, die tausendste Romanistin?

Christine und Radouane Belakhdar haben mit ihrem Verein yedd das algerische Kulturleben in Berlin mitgeprägt.
In ihren Maghrebinisch-Kursen vermitteln sie ein Gefühl für das Sprachengemisch ihrer früheren Heimatstadt Algier.
Auch ihr Sohn Neïl (ganz links) hat so einen Zugang zu seiner „Vatersprache“ gefunden.

„In Algerien haben wir die deutsche Kultur nie völlig vergessen, aber seitdem wir wieder zurück sind, leben wir die algerische Kultur eindeutig mehr als die deutsche“, erzählt Christine, die auch in Algier ihr eigenes Sauerkraut ansetzte. Neïl bezeichnet die Kultur, die die Belakhdars mit ihren heute sieben Kindern leben, als „métissée“. Das französische Wort drückt die Sache seiner Meinung nach besser aus als „Mischkultur“. Zu Hause spricht die Familie Französisch. Gekocht wird meist algerisch, was inzwischen Neïl in die Hand nimmt. Für das abendliche Geschichtenerzählen am großen Tisch ist hingegen nach wie vor Radouane zuständig. Um die Facetten der algerischen Kultur dem Rest der deutschen Gesellschaft zugänglich zu machen, entstand 2006 die Idee zu yedd. Ein Jahr später fand die erste große Veranstaltung, eine Ausstellung mit algerischen Künstler:innen in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, statt. Die der Legende nach der benachbarten Vernissage einer Ausstellung berühmter Impressionisten die Besucher:innen streitig machte. 200 Leute kamen. Eine beachtliche Zahl für die zu diesem Zeitpunkt recht kleine algerische Community in Berlin.

Und die Community war nicht nur klein, sie war auch polarisiert: Säkulare und Religiöse, Regimebefürworter:innen und -gegner:innen, Araber:innen und Amazigh. Die ideologischen Trennlinien der algerischen Gesellschaft wirkten auch in Berlin, und so wurden die oft sozialkritischen Veranstaltungen von yedd aus verschiedenen Richtungen durchaus argwöhnisch beäugt. Einmal brachte jemand eine Amazigh-Flagge zu einer Veranstaltung mit. Ein „Berberist“ sei das gewesen, so Radouane, der eine Abneigung gegen alles auch nur entfernt Ideologische hat. Auch die innerdeutsche Trennlinie hatte ihre Spuren hinterlassen, die Berliner Algerier:innen waren geteilt in „Ossis“ und „Wessis“.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Community gewandelt. Algerische Studierende, Informatiker:innen wie Fares, der Sprachlehrer, und Harraga, also Geflüchtete, die mit Booten übers Mittelmeer kamen, haben die Community vergrößert. Neue Vereine gründen sich, die religiösen Feste und Yanayer, das Neujahrsfest der Amazigh, werden gemeinsam gefeiert. Auch die 2019 gestartete Protestwelle in Algerien wirkt sich auf die Stimmung in Berlin aus. Ideologische Gräben werden mithilfe des gemeinsamen Nenners – „das Regime muss weg“ – zumindest kurzfristig suspendiert. Darüber, wie das Land nach einem Systemwechsel aussehen sollte, wären sich Konservative und Linke aber wahrscheinlich trotz allem nicht einig, überlegt Radouane, der sich wohl eher zur letzteren Gruppe zählen würde.

Wie die ganze algerische Community in Berlin hat sich auch yedd verändert. Nach einer längeren Ruhephase, in der sich Christine wieder stärker ihrer Arbeit als Übersetzerin widmete, hat Sohn Neïl den Verein 2018 mit den Sprachkursen wiederbelebt. Nachdem es der Elterngeneration vor allem um ein Handreichen zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Heimaten ging, scheint die jüngere Generation die Hand nach ihrer Vergangenheit auszustrecken, nach den sprachlichen Wurzeln ihrer Eltern. Zur räumlichen Dimension des Brückenbauens ist eine zeitliche dazugekommen. Und die Proteste in Algerien haben aus der ausgestreckten Hand eine kämpfende gemacht, eine im Widerstand hochgereckte Faust, findet Neïl. Yedd organisierte 2019 einen eigenen Diskussionsabend anlässlich des Hirak, wie sich die neue Protestbewegung nennt. Auch dort wurde ein Bogen in die Vergangenheit geschlagen, was schon die Wahl des Veranstaltungstags ausdrückte: Der 1. November ist der Jahrestag des Beginns des Unabhängigkeitskrieges von 1954 bis 1962, zu dem Radouane eine historische Einführung gab.

In den Sprachkursen hat Neïl drei Typen von Teilnehmenden ausgemacht. Typ 1: Leute wie er und seine Geschwister, die die Sprache ihrer Eltern endlich richtig beherrschen wollen. Typ 2: Partnerinnen von Maghrebinern, die die Sprache des Freundes oder des Ehemannes lernen möchten. Und Typ 3: Akademiker:innen, die mit dem Maghreb zu tun haben. Sie alle sitzen nun in vier gut besuchten Kursen mit unterschiedlichen Niveaus. Darunter auch noch zwei von Neïls Schwestern. Eine weitere Schwester hat Islamwissenschaft studiert und arbeitet zurzeit als Doktorandin politikwissenschaftlich zu Algerien. Neïl selbst studiert Arabistik, hat ein Auslandssemester in Tunis gemacht, nicht weit von Annaba, wo sein Vater geboren ist. Mittlerweile gibt er selbst Kurse an der Freien Universität Berlin. Damit ist er zu seinen Eltern gestoßen, die auch beide dort lehren. Die Teilnehmer:innen der Sprachkurse suchen in der Regel mehr als nur den Zugang zu einer Sprache, nimmt Neïl wahr: „Eine Frau hat mir mal geschrieben, dass sie das Gefühl hatte, erst über diese Kurse mit anderen Menschen aus der Diaspora in Kontakt zu kommen, was sie total begeistert hat. Und mich sehr berührt.“ Die Tradition des Handreichens bei yedd führt Neïl in eine neue Richtung weiter.

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