„Und dann sollen sich Menschen wie ich in Schulen willkommen fühlen?“

Bildungsaufstieg, glatte Haare, korrektes Deutsch – wie sich Menschen mit Migrationsbiografien an Signalen der Zugehörigkeit abmühen, beschreibt Nadire Biskin in ihrem Debütroman. Dessen zentrales Thema sei aber ein ganz anderes, sagt sie im Interview.

Interview: Muhamed Beganović Fotos: Bogenberger Autorenfotos

Ihr Buch Ein Spiegel für mein Gegenüber erlaubt intime Einblicke in das Leben einer deutschen Frau mit türkischer Migrationsgeschichte. Das ist auf dem deutschen Buchmarkt keine Selbstverständlichkeit, es kann also kein leichter Weg bis zur Veröffentlichung gewesen sein.

Der Literaturbetrieb in Deutschland würde sich gern damit rühmen, alles nicht Selbstverständliche, Außergewöhnliche zu wollen. „Verlag X hat schon eine wie du“, habe ich öfters gehört. Derselbe Verlag X hat aber natürlich zig Maries. Die sind nämlich Individuen. Mir ist es wichtig, als eine neue Stimme auch eine gewisse Freiheit hinsichtlich Form, Sprache und Inhalt zu haben. Mir war also klar, dass es nicht einfach wird. Ich habe zwar in vielen bekannten deutschsprachigen Literaturmagazinen wie metamorphosen oder BELLA triste veröffentlicht und auch journalistisch gearbeitet, aber das hat noch nichts zu sagen und ist keine Garantie für einen Buchvertrag. Ich habe bald festgestellt, dass ich eine Literaturagentur brauche, und war dann mit mehreren im Gespräch. Die Agentur, für die ich mich entschied, hat gute Kontakte zu vielen Verlagen, was für mich eine große Erleichterung war. Dennoch bedeutet ein Roman, der intersektional angelegt ist, also mehrere einander beeinflussende soziale Themen aufgreift, dass man viele Gespräche führen, viel erklären und aufklären, dass man Hintergrundinformationen liefern muss, von denen man dachte, dass sie zur Allgemeinbildung gehören.

Im Zentrum des Buches steht die Hauptfigur Huzur. Sie ist Referendarin, also angehende Lehrerin, wie Sie es mal waren. Als Reaktion auf die Äußerungen einer rassistischen Kollegin setzt sie eines Tages ein Kopftuch auf und löst damit „Kopftuchgate“ aus. Gibt es autobiografische Elemente im Buch?

Nein, eine solche Szene habe ich noch nie erlebt. Und ich würde da ganz anders reagieren als Huzur, die im Buch lange mit der rassistischen Kollegin diskutiert und dann in Tränen ausbricht. Huzur ist mutiger und zugleich angepasster, als ich es bin. Aber ich wollte Themen ansprechen, die mir wichtig sind. In Berlin gibt es bekanntlich das Neutralitätsgesetz, laut dem Pädagog:innen an allgemeinbildenden Schulen kein Kopftuch tragen dürfen. Ich bin aber die Tochter einer kopftuchtragenden Frau, insofern betrifft mich das Gesetz indirekt, und es ärgert mich, weil wieder einmal über das Aussehen von Frauen geurteilt wird. Zudem wurde das Gesetz in einem Bundesland verabschiedet, in dem ein riesiger Mangel an Lehrpersonal herrscht, wo alle möglichen Menschen eingestellt werden – aber bloß nicht eine Frau mit Kopftuch? Das ist krass. Und dann sollen sich Menschen wie ich in diesen Räumen willkommen fühlen?

Sie haben es erwähnt: Huzur ist mutig, sie ist eine Kämpferin, aber sie zeigt auch Verletzlichkeit. Sie ist selbstbewusst, aber opfert einen Teil ihrer Identität, um dazuzugehören: Sie glättet sich die Haare, spricht nur noch korrektes Deutsch, um so zu sein wie ihre autochthonen Kommiliton:innen. Solch komplexe Figuren mit Migrationsgeschichte sind rar in der deutschsprachigen Literatur.

Für mich war klar – Huzur ist so anstrengend wie ihr Leben. Ich wollte keine Figur haben, die auf alles in der gleichen Weise reagiert. Ihre Eigenschaften, ihre Reaktionen ändern sich immer wieder, was deutlich macht, sie ist nicht nur stark, sondern auch ambivalent. Sie soll auch nicht immer alles richtig, also politisch korrekt machen. Sie ist in ihren jungen Jahren ein Token gewesen. Wir verurteilen Tokens zwar gern, aber wir alle waren mal eines. Ich wollte gleichzeitig zeigen, dass sie, obwohl sie so viel macht, nie wirklich dazugehört. Sie schafft den Bildungsaufstieg, wird das „Türkischsein“ aber nicht los.

Das ist etwas, womit sich sehr viele Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund identifizieren können. Welche Reaktionen haben Sie auf das Buch erhalten?

Bislang sehr positive, sowohl was den Inhalt als auch was die Sprache angeht. Viele erzählen mir auch von ihrem Alltag und welche Erfahrungen sie mit der Protagonistin gemeinsam haben. Manche fragen mich sogar, wann ein zweites Buch mit Huzur rauskommt. Über eine Fortsetzung hatte ich beim Schreiben nie nachgedacht. Was ich aber schon merke, ist, dass für viele Leser:innen die Themen Rassismus und Identität sehr im Vordergrund stehen. Dabei sind sie nicht das zentrale Element des Buches.

Was ist das zentrale Element?

Mutterschaft. Es kommen ganz viele unterschiedliche Mütter vor. Huzur findet im Buch das junge Mädchen Hiba, das ganz allein in Berlin ist, und entscheidet sich prompt dazu, sie aus Solidarität bei sich aufzunehmen. Ich stelle im Buch die Frage, ab wann man Mutter wird und was das bedeutet – vor dem Hintergrund von Rassismus, Bildungsaufstieg und Armut. All das betrifft ja Huzur, weshalb sie sich Gedanken macht, ob sie Hiba aufnehmen soll oder nicht. Sie fragt sich, ob sie aufgrund ihrer Erlebnisse und Erfahrungen gut oder schlecht dafür geeignet ist. Zum Zeitpunkt des Schreibens wurden viele in meinem Umfeld schwanger, und ich habe gemerkt, dass ich mich anders zu diesem Thema verhalte. Für mich ist es nicht klar, ob ich Mutter werden möchte oder nicht. Wenn ja, dann hätte ich Angst, dass mein Kind in Armut aufwächst oder dass es Rassismus erfährt. Was würde ich dann machen? Tausende Gedanken schwirren da durch meinen Kopf.


Nadire Biskin hat Philosophie, Ethik und Spanisch studiert sowie mehrere Jahre zu Sprachbildung und Mehrsprachigkeit geforscht. Heute arbeitet sie als Lehrerin in Berlin. Ihre Prosatexte sind in verschiedenen Magazinen erschienen.

Ihr Roman spielt quasi in genauso vielen Bereichen wie das Leben selbst.

Ich wollte nicht mit einem Roman debütieren, wo sich nur ein Thema – zum Beispiel Identität – durch das ganze Buch zieht. Ich wollte einen mehrschichtigen Roman schreiben. Darum beginne ich das Buch mit einem Zitat der Schriftstellerin Audre Lorde: „There is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives.“ Und so geht es Huzur auch. Nach „Kopftuchgate“ fliegt sie in die Türkei, wo sie ganz andere Perspektiven bekommt. Ich habe bereits vor ungefähr sechs Jahren begonnen dieses Buch zu schreiben, damals gab es viele syrische Geflüchtete in der Türkei, die teilweise schlimme Dinge erleben mussten. In den deutschen Medien wurde das damals nicht thematisiert, und da ich mir vorgenommen hatte, über das zu schreiben, was mich beschäftigt, war es für mich klar, dass ich nicht über das eine ohne das andere schreiben kann. Es war daher eher eine Notwendigkeit, dieses Thema anzureißen. Und Huzur ist da mittendrin. Ich denke, sie wäre nicht authentisch, wenn sie anderen Marginalisierten nicht mit Empathie begegnen würde.

No single issue in der Tat. Huzur ist ja mehrfach belastet, so wie wir alle aktuell.

Ich kriege oft zu hören, dass Huzur wütend sei. Aber sie ist einfach überfordert und auf sich allein gestellt, zumindest am Anfang des Buches. Sie erzählt ihren Eltern lange Zeit nichts von Hiba, und von Kopftuchgate schon gar nicht, um sie nicht zu belasten – das tun Kinder von Eltern, die viel durchgemacht haben, um sie zu schützen.

Apropos Eltern: Würden Sie je ein Buch über Ihren persönlichen Werdegang oder über Ihre Familie schreiben?

Verlage stehen aktuell auf dieses Narrativ, und wenn ich mal die Gelegenheit bekommen sollte, würde auch ich über meine Familie und mich schreiben, ja. Zumindest eine leicht fiktionalisierte Version davon. Aber ich wollte nicht, dass mein erstes Buch davon handelt.

Das Buch ist irgendwo auch eine Art Liebesbrief an Berlin-Wedding. Warum war es Ihnen wichtig, diesen Bezirk so intim, spannend und authentisch zu beschreiben und quasi zu einem Protagonisten zu machen?

Der Wedding ist mir wichtig, das ist mein Bezirk. Aber er ist leider ein Ort, der in den Medien immer nur als „Brennpunkt“ vorkommt, als ein gefährlicher Bezirk, wo die Gefahr von migrantischen Personen ausgeht. Es heißt ja auch „der wilde Wedding“. Ich wollte daher in meinem Roman unbedingt ganz anders über den Wedding schreiben. Ich wollte auch über die Gentrifizierung dort schreiben, wie negativ sie sich auf Huzur und Hiba auswirkt, welche Ängste sie auslöst. Mich hat es auch interessiert, Fragen der Mutterschaft und der Solidarität vor dem Hintergrund eines solchen Ortes zu stellen. Mehr verrate ich aber an dieser Stelle nicht.

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