“Soziale Gerechtigkeit ist nicht von Klimaschutz zu trennen”

Ist es das Privileg der gut Situierten, sich gegen die Klimakrise zu engagieren? Um eine klimagerechte Zukunft zu erreichen, müssen noch viel mehr Menschen in die Klimaschutzdebatte eingebunden werden. Wie das gelingt, erklärt der Berliner Aktivist Quang Paasch.

Interview: Nour Khelifi Fotos: Hibat Khelifi

In der vierten Ausgabe von QAMAR sprechen wir mit Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für Umweltschutz engagieren und andere motivieren, es ihnen gleichzutun. Aber wie viel kann ein einzelner Mensch im Kampf gegen die Klimakrise tatsächlich bewirken?

Wenn Sie und ich beginnen, in unserem Alltag auf bestimmte Dinge zu verzichten, dann ist das schön, aber beim Klimaschutz geht es um strukturelle Fragen. Konzerne sind bekanntlich für den Großteil der klimaschädlichen Emissionen weltweit verantwortlich. Solange man sie und die Politik nicht zur Verantwortung zieht und beide dazu bringt, aktiv zu werden, können wir das Erreichen der Klimaziele in den nächsten Jahren – zum Beispiel die „Klimaneutralität“ der EU bis 2050 – vergessen. Die Waldbrände in der Türkei und in Griechenland oder die Überschwemmungen in Deutschland und Österreich diesen Sommer haben gezeigt, dass wir keine Zeit mehr haben für 15- oder 20-Jahres-Pläne. Wir brauchen genau jetzt aktives Handeln in der Politik und vor allem mehr Investitionen in den Klimaschutz.

Mehr Investitionen – heißt das nicht zwangsläufig, jene Konzerne, die durch ihre Profitgier die Klimakrise mitverantworten, kriegen auch noch Steuergelder, um sich zu „bessern“?

Es sollten nicht die großen Firmen vom Staat finanziell unterstützt werden, um klimafreundlicher zu agieren, sondern eher die kleinen. Es wäre schon mal ein Anfang, wenn kleinere Unternehmen oder auch die Gastronomie subventioniert würden, damit sie sich umweltfreundliche Anschaffungen leisten können. Riesenkonzerne nutzen mittlerweile Nachhaltigkeit und Klimaschutz als Schlagworte und Profitstrategie – Stichwort „Greenwashing“ [Bestrebungen von Unternehmen, sich mittels PR ein „grünes Mäntelchen“ umzuhängen, Anm. d. Red.]. Damit wälzen sie ihre Verantwortung auf die Konsument:innen ab und stellen sie vor die Wahl, ob sie denn das Klima retten wollen oder nicht. Das sehe ich sehr kritisch. Um also noch einmal die erste Frage zu beantworten: Beim Klimaschutz müssen besonders die Riesenkonzerne im Fokus stehen.

2019, im Alter von nur 18 Jahren, wurden Sie zu einem der Sprecher von Fridays for Future in Deutschland ernannt. Wie und wann haben Sie sich politisiert?

Politisch interessiert war ich eigentlich schon immer, ich war nur nie aktiv. Ich hatte dazu keine Ressourcen oder Zugänge in meinem Umfeld, ich wusste einfach nicht, wie man Demokratie lebt. Hinzu kommt auch noch, dass ich in einem Ostberliner Randbezirk aufgewachsen bin und mein Elternhaus auch kaum politisch war. Also habe ich angefangen mich im Internet schlauzumachen und bin ganz schnell draufgekommen, dass mein Leben und das der Menschen um mich herum von Ungerechtigkeiten geprägt ist. Diese soziale Ungerechtigkeit hat mich politisiert. Den endgültigen Stupser zum politischen Aktivismus hat mir Greta Thunbergs Rede bei der UN-Klimakonferenz in Katowice 2018 gegeben, wo sie die Untätigkeit der Politiker:innen anprangerte. Kurz darauf ging ich zum ersten Mal allein auf eine Demo. Ich kannte dort niemanden und habe auch nicht alles verstanden, was gerufen wurde. Ich frage mich seitdem, wieso wir die größeren politischen Zusammenhänge nicht schon in der Schule lernen.

Der Begriff Klimagerechtigkeit wird von Fridays for Future gern verwendet – in dem Begriff steckt offenkundig mehr als der bloße Kampf gegen Umweltverschmutzung.

Meine Augen für diese Thematik wurden erst 2019 geöffnet. Ich war eingeladen, an einer Talkshow teilzunehmen, wo mehrheitlich BIPOC diskutierten. Ich wurde während der Veranstaltung inhaltlich auseinandergenommen, und das war auch nötig, um mir meiner color blindness bewusst zu werden. Klar war mir die vietnamesische Migrationsgeschichte meiner Familie bewusst, aber wir wurden im Osten Deutschlands sozialisiert und sahen uns mehr als Deutsche. Ich war noch naiv und dachte „Mensch ist Mensch“, wir müssen doch einfach nur das Klima retten. Ich hatte davor noch nie etwas von postkolonialen Theorien gehört, dass es rassistische Machtstrukturen gibt oder dass soziale Gerechtigkeit von Klimaschutz nicht zu trennen ist.

Können Sie den Zusammenhang erklären?

Durch viele Gespräche mit BIPOC-Aktivist:innen wurde mir klar, wie wenig ich über Rassismus wusste, aber auch, dass Klimaschutz nicht nur weniger Fleischkonsum bedeutet, sondern auch sozialpolitische Maßnahmen und die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte beinhaltet. Wir können nicht von Klimaschutz sprechen, ohne über Rassismus und seine Folgen zu reden. Es ist nämlich eine Konsequenz der Kolonialgeschichte, dass die Ressourcen anderer Länder von westlichen Konzernen ausgebeutet werden. Dabei bekommen die Menschen, die in jenen Ländern für diese Konzerne arbeiten, Hungerlöhne. Was wir uns als „nachhaltiges Leben“ vorstellen, können im Westen nur privilegierte Menschen anstreben, und die sind in der Regel weiß. Marginalisierte Menschen können es nicht – aufgrund ihres Sozialstatus, aufgrund des rassistischen Systems, aufgrund fehlender Privilegien. Wer finanziell nicht gut dasteht, wird sich auch kein nachhaltiges Öko-Shirt um 60 Euro kaufen. Wenn diese Menschen dann zu Fast Fashion greifen, dann dürfen sie nicht dafür bloßgestellt werden.

Menschen bloßzustellen, weil sie zu ihren Familien ins Ausland fliegen oder günstiges Fleisch kaufen, wirkt nur ausschließend, sagt Quang Paasch.

Apropos Rassismus: Fridays for Future (FFF) Deutschland stand schon oft in der Kritik, zum Beispiel 2020, als die Black-Lives-Matter-Bewegung entstanden ist.

Ich betrachte FFF mittlerweile viel kritischer, vor allem nach den Attentaten in Halle und Hanau, aber auch rund um die Black-Lives-Matter-Bewegung, zumal ich der einzige nichtweiße Sprecher von FFF bin. Wir sind eine große Bewegung, die Gehör findet. Wir haben die soziale Verantwortung, zu diesen Themen Stellung zu beziehen und solidarisch zu sein. Wir sind vielleicht FFF in Deutschland, aber im Endeffekt ist das nicht nur eine deutsche oder europäische Bewegung, sondern eine globale. Also müssen wir dafür sorgen, dass man auch Aktivist:innen aus anderen Kontinenten Gehör schenkt und auch deren Proteste nach vorne trägt. Klimaschutz ist keine europäische, sondern eine internationale Frage. Und die kann nur beantwortet werden, wenn die globalen Ungerechtigkeiten angegangen werden.

Fridays for Future muss also Ihrer Meinung nach die Perspektiven von BIPOC stärker berücksichtigen?

FFF ist sehr weiß, privilegiert und bürgerlich. Es sind Menschen dabei, bei denen politisches Wissen und Bildung schon vor dem Beitritt vorhanden waren. Menschen wie ich mussten erst einmal diese Zugänge finden und sich, so gut es ging, das Wissen aneignen. FFF soll letztendlich auch ein Spiegel der Gesellschaft sein, die nun einmal nicht ausschließlich weiß ist. Ich glaube daher, dass wir feststecken. Wenn wir über Transformationsprozesse und Klimagerechtigkeit reden, dann ist das sehr akademisch und abstrakt. Wir reden davon, dass es einen Wandel braucht, mehr Grün hier, mehr Öko da, dass Profite nicht über Mensch und Natur gestellt werden dürfen. Die Menschen müssen aber inhaltlich und in ihrer Realität abgeholt werden, damit sie Veränderungen akzeptieren können. Dann kann sich das System auch zum besseren wandeln. Marginalisierte Menschen aber politisch oder gesellschaftlich bloßzustellen, weil sie zu ihren Familien ins Ausland fliegen oder günstiges Fleisch im Supermarkt kaufen statt teuer und direkt vom Bauern, wirkt nur ausschließend und diskriminierend. Dieses Framing wird nicht zu einer nachhaltigen und klimagerechten Zukunft führen.

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