„Mein Job ist es, das Gefühl der Ohnmacht zu lindern“

Als Gefängnisseelsorger hört Džemal Šibljaković den muslimischen Insass:innen zu. Im Interview spricht er über den Verlust der Stimme, über die Gefahr der Radikalisierung und die Notwendigkeit von Präventionsarbeit.

Interview: Muhamed Beganović Fotos: Diva Shukoor

Herr Šibljaković, was macht ein Gefängnisseelsorger?

Die Aufgabenbereiche sind so vielfältig wie die Menschen hinter Gittern selbst. Einen ganz großen Teil meiner Arbeit machen die Einzelgespräche aus, die aber von den Themen her ganz unterschiedlich sind. Einigen Insass:innen geht es um die Aufarbeitung ihrer Tat, anderen wiederum um die Beteuerung ihrer Unschuld. Es gibt aber auch solche, die einfach nur ein lockeres Gespräch über das letzte Champions-League-Match wollen, um gedanklich aus den Anstaltsmauern auszubrechen. Und all diese Bedürfnisse versuche ich abzudecken.

Wie viele Personen betreuen Sie?

Ich gebe mein Bestes, die rund 550 muslimischen Insass:innen in Wien und Korneuburg, aber auch einige ihrer Angehörigen sowie ein paar Haftentlassene zu betreuen. In seltenen Fällen kommt es auch vor, dass ich außerhalb dieser Gruppe Personen betreue – wenn zum Beispiel eine Person, zu der eine längere Verbindung besteht, verlegt wird. Wenn das nicht erforderlich oder nicht sinnvoll ist, dann vermittle ich an unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen in den Bundesländern weiter. Ich selber habe übrigens auch als Ehrenamtlicher begonnen und bekam erst 2017 von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) eine Vollzeitbeschäftigung. Seit einem Jahr haben wir die Möglichkeit, einen zusätzlichen Seelsorger in einem geringfügigen Angestelltenverhältnis zu beschäftigen. Diese Notlösung hat zwar dazu geführt, dass mehr Einzelgespräche, mehr Gottesdienste und auch mehr Austausch mit den Justizanstalten möglich ist, aber es wird nicht dem Bedarf gerecht.

Wie hoch ist denn der Bedarf?

2019 gab es österreichweit etwa 2000 Insass:innen, die sich selbst als Muslim:innen bezeichnet haben. Die aktuellen Zahlen hat derzeit nur das Justizministerium. Die einzelnen Anstalten kennen in der Regel auch ihre eigenen Zahlen.

Sobald ein Mensch im Gefängnis landet, ist es so, als hätte er seine Stimme verloren. Die Gesellschaft will nichts mehr von ihm hören, doch Sie sind da, um mit ihm zu reden.

Dieser Verlust der eigenen Stimme ist in vielerlei Hinsicht ein ganz wichtiger Punkt. Er erstreckt sich weit über die Gefängnismauern. Die Ohnmacht, die das System zwangsweise mit sich bringt, erleben sowohl die inhaftierten Personen als auch deren Angehörige. Mein Job ist es, dieses Gefühl der Ohnmacht zu lindern. Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit, sich sowohl in Gruppen- als auch in Einzelsettings zu unterhalten.

Man muss sich vorstellen, dass die Insass:innen auf engstem Raum mit anderen Menschen zusammenleben, die sie nicht kennen, die sie sich nicht aussuchen können und die in vielen Fällen selbst sehr belastet sind. Es gibt also wenig Raum für wirkliche Aussprache mit Vertrauten, geschweige denn für Privatsphäre. Die seelsorglichen Einzelgespräche sollen das ein wenig kompensieren, indem die Menschen in Haft die Möglichkeit bekommen, in einem geschützten Rahmen – es gilt stets die seelsorgliche Schweigepflicht – ihre Probleme, Fragen, Ängste, Sorgen und was auch immer zu teilen, ohne daraufhin verurteilt oder kategorisiert zu werden. Und das spürt man auch bei den Gesprächsinhalten. Der vertrauliche Rahmen erlaubt es den Menschen in Haft, sich zum Teil über Erlebnisse auszutauschen, die sie ihren engsten Verwandten und Bekannten nicht anvertrauen konnten, weil sie auch da einen sozialen Druck verspüren. Gruppengespräche hingegen werden hauptsächlich für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit bestimmten Themen eingesetzt. Die Geborgenheit eines Einzelgesprächs kann eine Gruppe nicht wirklich liefern.

Wie nehmen Sie Kontakt auf?

Ich mache mein Angebot durch Flyer und Aushänge sichtbar und werde dann von einzelnen Personen zum Gespräch eingeladen. Ich suche also nicht aktiv den Kontakt im Gefängnis. Die Seelsorge ist eine der wenigen Möglichkeiten der Selbstbestimmung in einem System, das den einzelnen Menschen beinahe zur Gänze fremdbestimmt. Wenn eine Insassin oder ein Insasse mich zum Gespräch einlädt, dann gestaltet sie oder er also einen kleinen Teil des Alltags in Haft selbst.

Wie wirkt sich Ihre Arbeit auf Sie aus?

Es ist eine Herausforderung, mit den vielen Geschichten, den dahinterliegenden Emotionen und dem Ohnmachtsgefühl einiger Menschen fertig zu werden. In meiner Anfangszeit habe ich Kolleg:innen in ähnlichen Situationen kontaktiert, um sie zu fragen, wie sie damit umgehen. Ich merkte aber bald, dass es keine Patentlösungen gibt. Damit es mir trotz der Belastung gut geht und ich die Arbeit auch weiterhin machen kann, habe ich drei Wege gefunden, die mir persönlich helfen. Erstens ist es wichtig, die Erfolgsgeschichten nicht zu vergessen, sie auch wirklich aufzuschreiben und sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern. Zweitens schöpfe ich Kraft aus dem Gebet, das ich im Zuge meiner Tätigkeit ganz anders erlebe. Und drittens hilft mir Basketball spielen, weil ich da abschalten kann. Es hilft mir, mir selbst vor Augen zu führen, dass es auch ein Leben außerhalb der Gefängnismauern gibt.

Über muslimische Kriminelle wird, vor allem in Boulevardmedien, viel berichtet, man denke nur an das Thema „Ehrenmorde“. Wie erleben Sie diese Medienperspektive auf Ihre Klient:innen?

Kulturalistische Zuschreibungen wie die von „Ehrenmorden“ sind der Nährboden für Racial Profiling, denn sie lösen eine endlose Spirale an Vorverurteilungen und eine gesellschaftliche Spaltung aus. Das führt dazu, dass man bestimmte Delikte von einer Gruppe von Menschen „erwartet“. Wenn dann eine Person aus dieser Gruppe tatsächlich ein ähnliches Delikt begeht, wird dieses stärker thematisiert, weil es die eigenen Narrative bestätigt und somit „gut passt“. Werden die gleichen Delikte von Personen aus der eigenen Gruppe – wie auch immer man diese definiert: national, religiös, politisch – begangen, dann werden diese anders gedeutet oder in einen komplexeren Kontext gesetzt. Zuschreibungen gegenüber einer gesellschaftlichen Minderheit machen auch möglich, dass die „üblichen“ Verbrechen der Mehrheitsbevölkerung in Relation zur tatsächlichen Verbrechensstatistik viel weniger Erwähnung in der medialen und politischen Debatte finden.

Wie sieht es Ihrer Erfahrung nach mit der Radikalisierung oder den Terrorismus-Tendenzen unter Gefängnisinsass:innen aus?

Aus der Extremismusforschung ist allgemein bekannt, dass es verschiedene Faktoren gibt, die dazu führen, dass Menschen sich mit extremistischen Ideologien identifizieren. Ein ganz wichtiger Teil davon ist die strukturelle Diskriminierung, die diese Menschen erleben, die dann oft ein Ohnmachtsgefühl bei ihnen auslöst. Betroffene suchen sich dann Gruppierungen, die Selbstwirksamkeit vermitteln. Mit Selbstwirksamkeit ist hier gemeint, dass den Menschen die Möglichkeit gegeben und die Fähigkeit zugestanden wird, über die Fragen ihres Lebens selbstständig zu bestimmen.

In vielen Fällen sind das Gruppen, die ein Weltbild vermitteln, das ganz klar zwischen Gut und Böse unterscheidet. Natürlich gehört man selbst zu den „Guten“ und alles, was gegen die eigenen Überzeugungen gerichtet ist, ist automatisch „böse“. Das ist, zugegeben, eine vereinfachte Darstellung eines komplexen Phänomens, doch es spielt eine entscheidende Rolle bei Radikalisierungsprozessen. Diese Tendenzen sind bereits in Freiheit Faktoren, die dazu führen können, dass ein Mensch extremistische Haltungen internalisiert und empfänglicher für solche Narrative wird. Ohnmacht und fehlende Selbstwirksamkeit sind während der Haft jedoch um ein Vielfaches höher. Dieser Umstand wird meiner Meinung nach zu wenig beachtet. Das Hauptaugenmerk liegt derzeit noch immer auf der Deradikalisierung, die sich in vielen Bereichen enorm von der Präventionsarbeit unterscheidet.

Auch der Mann, der Anfang November in Wien einen Terrorakt verübt hat, hatte in Haft an einem Deradikalisierungsprogramm teilgenommen. War denn ein solcher Akt nur eine Frage der Zeit?

Die Aktivität der extremistischen Szene in Österreich ist schon seit Langem bekannt. Retrospektiv und aus analytischer Sicht war der Terrorakt keine Überraschung. Allerdings ist es aus persönlicher Sicht natürlich ein Schock, der tiefe Betroffenheit und Angst ausgelöst hat. Aus innermuslimischer Perspektive kommt nach dem Entsetzen über den Anschlag selbst auch noch die Sorge vor den Folgen für das muslimische Leben in Österreich hinzu.

Was tut die IGGÖ in Bezug auf radikale Tendenzen – auch außerhalb der Gefängnismauern?

Die IGGÖ ist in der Präventionsarbeit sehr aktiv. Sei es im Rahmen des Religionsunterrichts oder im Rahmen der wichtigen Tätigkeit der Kontaktstelle für Deradikalisierung und Extremismusprävention. Auch hier wäre allerdings noch mehr möglich. Für mehr Leistung braucht es allerdings auch mehr Ressourcen und zum Teil auch eine bessere Kooperation der politischen Entscheidungsträger:innen einerseits und der IGGÖ andererseits.

Was müsste getan werden, um das Problem der Radikalisierung an der Wurzel zu packen?

Die Auseinandersetzung mit den diversen Netzwerken extremistischer Akteur:innen ist absolut notwendig. Mit einseitigen Aktionen wie Razzien oder Moscheenschließungen kommt man allerdings nicht sehr weit. Ein ganzheitlicher Zugang ist notwendig, das heißt, die politisch Verantwortlichen, religiöse Würdenträger und die Gesellschaft als Ganzes müssten sich mit den Versäumnissen auseinandersetzen. Thematisch reichen da die Schwerpunkte von nicht inklusiver Politik und strukturellem Rassismus über nicht ausreichenden theologischen Diskurs und fehlende Reflexion bis hin zu gesellschaftlicher Spaltung auf unterschiedlichen Ebenen. Es gäbe hier viele „Wurzeln“, die es zu packen gilt.

Džemal Šibljakoviċ ist seit 2016 Leiter der Gefängnisseelsorge der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Er unterrichtet zudem als Lektor an der Fachhochschule St. Pölten im Studiengang Soziale Arbeit.

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