Wer war Selman Selmanagić?

Aus einer bosnischen Kleinstadt in die Architekturgeschichte Deutschlands – das Leben der Bauhaus-Legende Selman Selmanagić gleicht einem Abenteuerroman. Und doch kennen ihn nur wenige. Eine Spurensuche.

Text: Nedad Memić Fotos: Privatarchiv von Selman Selmanagić

Als Selman Selmanagić im Jahr 1929 im Alter von 24 Jahren in den Zug von Sarajevo nach Berlin steigt, weiß er noch nicht, dass er im Begriff ist, sein Leben für immer zu verändern. Er kann nicht wissen, dass eine blendende Zukunft als Architekt auf ihn wartet, dass er zu den bedeutendsten Vertretern des Bauhaus avancieren, eines Tages in Jerusalem arbeiten, sich dem antifaschistischen Kampf gegen die Nazis anschließen oder den Berliner Dom nach einem verheerenden Weltkrieg vor dem Abriss bewahren wird. Er weiß nur, dass es eine lange Zugfahrt wird. In Sarajevo und Ljubljana hat Selmanagić das Tischlerhandwerk erlernt, in Deutschland will er sich nun weiterbilden. Doch schon während der Zugfahrt ändern sich seine Pläne. Eine Zufallsbegegnung spielt Schicksal: Im Waggon fängt Selmanagić ein Gespräch mit einem österreichischen Mitreisenden an, der ihm vom Bauhaus erzählt. Diese in den 1920er Jahren in Weimar gegründete Kunstschule beeinflusste die europäische Architektur und das Design des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere. Die prestige­trächtige Ausbildungsstätte verstand sich als Ort der Synergie zwischen Kunst, Architektur und Handwerk. Die Erzählungen des fremden Mannes wecken Selmanagićs Neugier, und er beschließt kurzerhand nach Dessau zu fahren, wo sich die Schule nach dem Umzug aus Weimar nun befindet, und dort ein Architektur­studium zu beginnen.

Ohne Deutschkenntnisse war dieses Unterfangen alles andere als gewöhnlich – es glich vielmehr einem Abenteuer. Für Selmanagić wurde das Bauhaus schnell zu einer Faszination, man könnte fast Offenbarung sagen. „Als mein Vater ans Bauhaus kam, war er so glücklich und erfüllt, dass er die Idee dieser Kunstschule fast wie eine Religion aufsog. Das Bauhaus war sein Leben“, erzählt Azemina Bruch-­Selmanagić, die mittlere der drei in Berlin lebenden Töchter des großen Architekten. „Während er in vielen anderen Lebenssituationen Kompromisse einging, blieb er den Bau­haus-­Prinzipien sein ganzes Leben lang treu. Für diese Idee war er – wie viele andere aus seiner Generation – auch bereit zu kämpfen. Er pflegte uns zu sagen, dass niemand das Bauhaus so gut verstanden hätte wie er.“

„Le Corbusier des Balkans“
Selman Selmanagić kam am 25. April 1905 in Srebrenica auf die Welt. Er gehörte einer traditionellen, wohlhabenden und gut ausgebildeten Familie an. Sein Vater Alija war in den 1930er Jahren Abgeordneter zum Parlament des Königreichs Jugoslawien. Das hieß aber nicht, dass der junge Selmanagić uneingeschränkte finan­zielle Unterstützung durch der Familie genoss. Im Gegenteil, laut Kunsthistorikerin Aida Abadžić­-Hodžić, die eine umfassende Biografie von Selmanagić verfasst hat, finanzierte er sich das Studium in Dessau bis zum vierten Semester selbst, und zwar aus dem Geld, das er in der Tischlereiwerkstatt am Bauhaus verdiente. Erst als seine Ersparnisse aufgebraucht waren, wandte er sich an seinen Vater, der zu dem Zeit­punkt gar nicht wusste, dass sein Sohn Architektur studierte.

Um sich von den Fähigkeiten des Sohnes zu überzeugen und ihm das Studium weiter zu finanzieren, verlangte der Vater einen Entwurf für ein neues Haus auf dem Familiengut in der Nähe der bosnischen Stadt Zvornik. „Bei bestimmten formalen Elementen wie dem flachen Dach oder reinen, kubischen Formen sowie beim offe­nen Innenraum, der in eine große Terrasse übergeht, konnte Selmanagić sein Wissen über moderne Architektur erfolgreich umsetzen“, sagt Abadžić­-Hodžić. Das überzeugte den Vater, und der Sohn durfte mit dem Studium weitermachen. Die Pläne für das Haus fanden aber einen weiteren Bewunderer: Selmanagićs Professor Ludwig Hilberseimer lobte ihn als den „Le Corbusier des Balkans“.

Studentenausweis von Selman Selmanagić am Bauhaus.

Als einziger Student aus dem Königreich Jugoslawien schloss Selmanagić 1932 das Bauhaus-­Studium ab. Zu seinen Lehrer:innen gehörten neben dem Bau­haus-­Gründer Walter Gropius auch Ludwig Mies van der Rohe, der letzte Direktor der Schule, sowie die Künstler Paul Klee und Wassily Kandinsky. Der junge Bosnier schätzte sie alle ungemein, mit einigen von ihnen, vor allem Gropius, verband ihn auch eine lebenslange Freundschaft. Ein Bauhaus­-Prinzip, das Selmanagić aus seinem Studium mitnahm und bis zum Ende seiner Karriere kompromisslos verfolgte, war die Überzeugung, dass sich jede architektonische Gestaltung in erster Linie an den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzer:innen orientieren sollte.

Von Zvornik nach Jerusalem
Nach seinem Studienabschluss arbeitete der junge Architekt kurz im Büro von Walter Gropius in Berlin, kehrte aber 1933 nach Jugoslawien zurück. Nachdem sei­ne Jobsuche in Sarajevo, Belgrad und Zagreb ohne Erfolg verlief, zog er zunächst nach Istanbul, wo er eine Anstellung als Architekt fand. 1934 zog er ins damalige britische Protektorat Palästina, wo er zuerst in Jaffa und dann in Jerusalem wirkte. Die natio­nalsozialistische Machtergreifung in Deutschland bekam Selmanagić dort zeitver­setzt mit: Viele jüdische Architekten aus Deutschland – unter ihnen auch Bauhäus­ler – kamen als Emigranten nach Palästina. Selmanagić arbeitete etwa ein Jahr im Büro des deutsch­jüdischen Architekten und Städteplaners Richard Kauffmann. Obwohl Kauffmann mit Selmanagićs Arbeit äußerst zufrieden war, musste er ihn schließlich entlassen – die damalige Einwanderungspolitik im Protektorat favorisierte den Zuzug von gebildeten Juden, und Selmanagić war Muslim.

Die Situation im damaligen Palästina war von steigenden Spannungen zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung geprägt – jede Gruppe trachtete danach, ihre „eigenen“ Menschen zu fördern. Das beschrieb auch Selmanagić in einem Brief an seinen Bauhaus­-Kollegen und Freund Hajo Rose: „Um bei Juden arbeiten zu können, […] muss man jüdisch sein, bei Arabern mohammedanisch. Infolgedessen habe ich je nach der Arbeitsstelle ‚die Farbe gewechselt‘, und man hat mir immer geglaubt.“ Nach seiner Entlassung arbeitete er in Jerusalem weiter als selbstständiger Architekt und realisierte mehrere große Projekte – unter anderem eine Bank, eine Möbelfabrik sowie eine Wohnanlage für die muslimische Community in Jerusalem. Auf Gesuch des Jerusalemer Muftis war er sogar an einem Projekt zur Befestigung der Klagemauer engagiert.

Ein von Selmanagić designtes Mehrfamilienhaus in Jerusalem, 1937.

Kommunist, Antifaschist, Retter historischer Bauten
Im Jahr 1938 reiste Selmanagić nach Deutschland zurück. Die Gründe dafür sucht man am besten in seiner politischen Gesinnung. Eine kommunistische Zelle am Bauhaus hatte seit 1927 existiert. Selmanagić hatte ihr vermutlich seit Beginn seines Studiums angehört. „Mitglieder dieser Zelle – allen voran Albert Buske – holten ihn zu­ rück, um sich dem antifaschistischen Widerstand anzuschließen“, sagt Abadžić­-Hodžić. Dass er gerade Deutschland und nicht Jugoslawien als Ort seiner Rückkehr wählte, zeigt die tiefe Verbundenheit mit der neuen Heimat und mit seinen Bauhaus­-Kollegen.

Den Zweiten Weltkrieg verbrachte Selmanagić weitgehend unauffällig als Filmarchitekt, unter anderem für das staatliche Filmunternehmen UFA in Potsdam. Nach Kriegsende arbeitete er als Leiter des Referats für Kultur­ und Erholungsstät­tenplanung im Planungskollektiv von Hans Scharoun, das für den Wiederaufbau Berlins zuständig war. In dieser Funktion konnte er einige berühmte historische Bauten wie den Berliner Dom vor dem Abriss retten. Ein Fakt, der in Fachkreisen und in der deutschen Öffentlichkeit immer noch zu wenig bekannt ist. „Nach einem Gespräch mit dem damaligen Dompropst Heinrich Grüber, der ihm von der großen Bedeutung des Berliner Doms berichtet hatte, setzte sich mein Vater bei den Regie­rungsverantwortlichen für den Erhalt der Kirche ein“, erzählt Azemina Bruch-Selmanagić. Auf ähnliche Weise konnte Selmanagić auch den Erhalt der schwer beschädigten Neuen Wache im Zentrum Berlins erwirken.

Dass solche wichtigen Fakten in der Architekturgeschichte der deutschen Hauptstadt weitgehend unbekannt blieben, erklären Selmanagićs Töchter Azemina und Jasemin mit der Praxis in der damaligen Architekturszene, besonders in der DDR: „Damals wurde zwar viel gemacht, aber verhältnismäßig wenig aufgeschrie­ben. Erst seit einigen Jahren wird die DDR-­Zeit kunsthistorisch aufgearbeitet. Dazu gehört auch das Werk unseres Vaters“, sagen sie. Seit dem Tod Selmanagićs im Jahr 1986 kümmern sich die beiden um den Nachlass des Vaters. Wenn es um die Rezep­tion des Architekten sowie den Umgang mit seinen Bauprojekten in Deutschland geht, können sie ihre Unzufriedenheit nicht verbergen. Das größte Bauprojekt aus seiner Zeit in den „Planungskollektiven“ der DDR – das 1950 errichtete Stadion der Weltjugend in Berlin – wurde 1992 abgerissen, um Platz zu schaffen für ein neues Gebäude des Bundesnachrichtendienstes. Azemina Bruch­Selmanagić erinnert sich: „Erst im letzten Moment wurde ein Fotograf organisiert, der dieses Bauhausdenk­mal grundlegend dokumentiert hat.“

Von Selmanagić in den 1950er Jahren designte Möbelstücke sind heute begehrte Sammlerware.

Von Begeisterung getragen
Was aber sehr wohl geblieben ist, weil es nicht zerstört werden kann, sind die Lehren des Architekten. Als der Bauhäusler Mart Stam im Jahr 1950 zum Direktor der Kunsthochschule Berlin­-Weißensee ernannt wurde, fragte er Selmanagić, ob er dort unterrichten wolle. „Das hat er sehr gerne angenommen, er konnte so die Bau­haus-­Lehre an die nächste Generation weitergeben“, erzählen seine Töchter. Von 1950 bis 1970 wirkte er als Professor für Architektur an der Schule. 1956 entwarf er auch deren Zubau, zusammen mit seinem Kollegen Peter Flierl. Parallel dazu be­schäftigte sich der Bauhaus­-Doyen mit dem Design von Möbelstücken: Besonders populär wurden seine Seminarstühle, die heutzutage als teure Vintagestücke ver­kauft werden. „Als unser Vater in Pension ging, fiel ihm der Abschied von der Kunst­hochschule schwer“, erzählen die Töchter. Doch auch da half der Bauhaus­-Freundes­kreis aus. Als Rentner fuhr Selmanagić an die Universität der Künste nach West­-Berlin, an der sein Bauhaus­-Freund Wils Ebert unterrichtete, oder an die Tech­nische Universität Graz zu seinem anderen Bauhaus-Freund Hubert Hoffmann, um Vorträge zu halten. „Scherzhaft gesagt waren die Bauhäusler wie eine Mafia. Sie haben sich gegenseitig unterstützt und auch protegiert“, sagen Azemina und Jasemin.

Der große Architekt mit seinen drei Töchtern Selma, Azemina und Jasemin.

Seine Faszination für die Architektur und besonders das Bauhaus begleitete Selmanagić bis ins hohe Alter. Seine drei Töchter begeisterte er mit vielen Erzählun­gen aus der Bauhauszeit. Und die Begeisterung fruchtete. Zwei von ihnen wurden selbst Architektinnen, die dritte entschied sich für Landschaftsarchitektur.

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