„Man muss so schreien, dass es die Leute auch verstehen“

Pathos ist ein nützliches Werkzeug, um Veränderung zu bewirken – aber nur wenn es richtig eingesetzt wird, sagt Solmaz Khorsand, Autorin des Buches „Pathos“. QAMAR sprach mit ihr über Befindlichkeiten, Privilegien und Diskriminierung.

Interview: Muhamed Beganović Foto: Hannah Heibl

„Jeder von uns kennt diese eine Person, die einen mit ihren Problemen vollquatscht, jedoch nie fragt, wie es einem selbst geht“, sagt Solmaz Khorsand, Reporterin beim Schweizer digitalen Magazin Republik. Sie ist Autorin von Pathos, einem Essay über jenes von Aristoteles als „emotionaler Appell“ definiertes rhetorische Überzeugungsmittel, das unsere Gesellschaft vereinnahmt und verändert. Denn: Pathos ist Macht. Und ein Werkzeug, um soziale Probleme anzugehen. Das zeigt ihr Buch sehr eindrücklich.

Pathos sei eine sehr elegante Methode, um über Macht, Privilegien, Rassismus, Sexismus und viele weitere Themen zu reden, sagt Khorsand über ihre Motivation, das Buch zu schreiben. Mit der Präzision einer Sushi-Meisterin filetiert sie die pathetischen Seiten unserer Gesellschaft und serviert kostbare, für die Mehrheitsgesellschaft nicht immer leicht verdauliche „Häppchen“, wie zum Beispiel: „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Menschen, die sehr viele Privilegien genießen, überhaupt nicht verstehen, wie viel sie andere mit ihren Befindlichkeiten belagern.“

Khorsands Buch ist jedoch keine Anklageschrift, die mit dem Finger auf die Mehrheitsgesellschaft zeigt oder Menschen verteufelt und auch keine Anleitung, wie mit Pathos umzugehen ist. Vielmehr ist ihr Buch ein Appell zu mehr Vernunft, zu mehr Mäßigung und vor allem zu mehr Reflexion: Ist denn jeder Herzschmerz, jede unangenehme Konversation mit Kolleg:innen, jedes graue Haar wirklich ein kleiner Weltuntergang und somit eine Einladung, das eigene Pathos mit der Welt zu teilen? Und hätten – auf der anderen Seite – manche Gruppen nicht wesentlich berechtigteren Anspruch auf Pathos? QAMAR hat mit der Autorin darüber gesprochen.

Frau Khorsand, Sie schreiben, dass Pathos zwar übermäßig viel genutzt, gar missbraucht wird, aber nicht per se böse ist. Was wäre denn „gutes“ Pathos?
Pathos ist für Protestbewegungen sehr wichtig. Der Kommunikationswissenschafter Armin Scholl sagt, dass die Mehrheitsgesellschaft schweigen kann, weil sie mit dem Status quo zufrieden ist. Für Minderheiten passt der Status quo aber gar nicht, weshalb sie mit sehr viel Pathos arbeiten müssen, um ihre Mitbürger:innen wachzurütteln. Für die wirkt das zwar pathetisch, aber sie haben zuweilen nun mal keine andere Chance zu ihnen anders durchzudringen.

Damit Pathos eine Chance haben kann, müssen Intensität (der Schweregrad der Diskriminierung) und die Extensität (die Frequenz) hoch genug sein. Ein Beispiel: BIPOC reden seit Jahren darüber, dass sie systematisch benachteiligt werden, aber es brauchte erst den gewaltsamen Tod von George Floyd, um Tausende auf die Straßen Wiens zu bringen. Je nachdem wie auch unsere politischen Präferenzen gelagert sind, sind wir toleranter gegenüber dem Pathos einer Gruppe und weniger tolerant gegenüber dem Pathos einer anderen. Ich bin wahrscheinlich gewillter das Pathos von Black-Lives-Matter-Demonstrant:innen zu tolerieren als das von Corona-Leugner:innen. Bei einer anderen Person wird das genau umgekehrt sein.

Pathos kann also auch auf taube Ohren stoßen?
Definitiv. Schockierend war für mich die Erkenntnis, dass Botschaften nach gewissen Mustern vermittelt werden müssen, um von der Mehrheitsgesellschaft rezipiert zu werden. Es reicht nicht, laut zu schreien, man muss so schreien, dass es die Leute auch verstehen. Ein Beispiel dafür ist das Sexualstrafrecht in der Schweiz – ein Thema, auf das ich im Buch eingehe. Oft gibt es in der Judikatur, unter Polizist:innen, aber auch allgemein unter der Bevölkerung klare Vorstellungen, wie sich Frauen nach einer Vergewaltigung zu verhalten haben: Sie müssen brüllen und als erstes zur Polizei rennen und den Täter anklagen. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. Aber: Wenn man nicht nach diesem Skript spielt, kommt man nicht zu seinem Recht, und das ist erschreckend.

Pathos wird aber auch oft falsch instrumentalisiert. Als der Sprecher der Cherokee County Police über jenen Terroristen, der Mitte März acht Menschen in drei Massagesalons im Großraum Atlanta getötet hat, sagte, dass dieser einen sehr harten Tag gehabt hatte, dann bediente er sich auch des Pathos.
Dieses Phänomen kann man schon länger beobachten. Im Buch schreibe ich, dass Richter in den USA dazu tendieren, Ausreden für junge, weiße Straftäter zu suchen und die Taten auf eine schwere Kindheit oder Drogensucht zurückzuführen, woraufhin sie mildere Strafen verhängen, während sie bei Schwarzen Angeklagten kaum die Kindheit berücksichtigen, sondern sehr oft gleich die Höchststrafe verhängen, weil sie überzeugt sind, dass sie von Natur aus so handeln würden und daher nicht fähig sind zu Reue und Besserung.

Sie stellen im Buch eine wichtige Frage: „Wer traut sich, öffentlich seiner Befindlichkeit zu frönen? Wer bekommt den Raum dafür zugestanden und wer nicht? Wer wird dabei ernst genommen und wer pathologisiert?“ Wie lautet hier die Antwort?
Ernst genommen werden jene, mit denen man sich identifizieren kann. Die Richter aus dem vorherigen Beispiel waren milder, weil sie sich mit den weißen Personen auf der Anklagebank leichter identifizieren konnten. Nehmen wir den Journalismus als Beispiel. In allen Wahlkämpfen, in denen rechte Parteien Zugewinne erhielten, wurde in der Berichterstattung darüber geredet, dass man die „Sorgen der Menschen“ ernst nehmen müsse, vor allem im Jahr 2015, am Zenit der sogenannten Flüchtlingskrise. Die Sorgen der Minderheiten in Orten, wo rechte Parteien gewonnen hatten, wurden aber nicht ernst genommen. Diese Menschen wurden nicht nach ihrem subjektiven Sicherheitsempfinden befragt oder in Talkshows eingeladen, um zu erzählen, wie es sich denn anfühlt, wenn der halbe Ort einer Partei die Stimme gibt, die sie hierzulande nicht haben will.

Im Buch sprechen Sie auch über ein Stockholm-Pathos. Was meinen Sie damit?
Minderheiten müssen permanent im Auge behalten, wie sich andere fühlen, weil eine Unachtsamkeit sie im Extremfall das Leben kosten könnte. Als Schwarze Person überlege ich mir zehn Mal, ob es klug ist in einer amerikanischen Vorstadt am Abend zu joggen, da mich Einige als „Gefahr“ wahrnehmen und glauben könnten, dass sie sich gegen mich schützen müssen.

Kommen wir zum Abschluss wieder auf die Mikroebene. Sie sind in den sozialen Medien präsent, wo sich Menschen mittlerweile über jeden Unsinn mit großer Inbrunst beschweren und erzürnen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ist?
Es hat mich immer erstaunt zu beobachten, mit welcher Selbstverständlichkeit sich manche den Raum nehmen, um über sich und ihre Probleme zu reden und glauben, dass ihr Leid den Raum verdient hat. Die Unfähigkeit, sich selbst aus der Gleichung zu nehmen und etwas zu relativieren hat mich immer fasziniert und geärgert. Wie es sein kann, dass wir über Ausgangsbeschränkungen jammern, während auf den Intensivstationen die Pflege aus dem letzten Loch pfeift und Menschen im Akkord beim Sterben begleitet werden müssen.

Jedes Leid hat seine Berechtigung, und es soll auch niemandem abgesprochen werden es zu teilen, nur darf man schon auch etwas Reflexion einfordern. Es braucht schon eine Menge Ich-Bezogenheit, um zu glauben, dass die eigene Geschichte so einzigartig und wichtig ist, dass man sich dafür eine öffentliche Bühne nehmen muss. Diese Menschen sind Hauptfiguren im eigenen Film und machen alle anderen zu Statist:innen, ohne zu bedenken, dass die auch ein eigenes, vollwertiges Leben haben.

Ich will niemanden mundtot machen, das wäre der völlig falsche Schluss nach der Lektüre des Buches, es geht mir nur darum, dass sich Menschen öfter mal die Frage stellen sollten, ob das Erlebte auch wirklich so schlimm ist, und ob man sich den Raum wirklich nehmen soll? Es geht ums richtige Maß.

Solmaz Khorsand, Pathos
Kremayr & Scheriau 2021
128 Seiten, € 18,–

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