Du kriegst den Job, aber nicht mit Kopftuch

Die Pharmaziestudentin Esma N. erzählt von ihren zermürbenden Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt in Österreich. Wie fühlt es sich an, wenn ein Keil zwischen die eigene Identität und die Chance auf Karriere getrieben wird? Bleibt am Ende mehr als purer Zynismus?

Bericht: Esma N. Aufzeichnung: Muhamed Beganović Illustrationen: Ruth Veres

Mit einer lapidar gestellten Frage zerstörte er all meine Hoffnungen. Fünf Wörter: „Würden Sie das Kopftuch ablegen?“ Sie trafen mich unvorbereitet, wie der Klaps auf den Hinterkopf, den ich manchmal als Kind von den Eltern bekommen habe, wenn ich frech war. Doch ich war nicht frech gewesen. Ich hatte nicht einmal die Gelegen­heit dazu bekommen. Er stellte mir die Frage unmittelbar nach der Begrüßung. Sie tat umso mehr weh.

Dabei hatte der Tag nicht mit Schmerz, sondern mit Freude begonnen. Es war ein frischer Tag im Oktober 2019. Vor dem Termin mit Herrn Mayer (seinen echten Namen und den Namen seiner Apotheke will ich nicht nennen) habe ich etliche Zeit vor dem Spiegel verbracht und verschiedene Blusen, Hosen und Kopftücher anprobiert – ähnlich wie in diesen Filmszenen, wo die Hauptfigur aufgeregt in unter­schiedlichen Outfits vor sich selbst posiert, nur die musikalische Untermalung fehlte. Das Kopftuch trage ich seit meiner Pubertät. Es ist ein Teil von mir. Ich nehme es als etwas Schönes, Stylisches wahr. So auch an jenem Tag. Ich musste mindestens ein halbes Dutzend verschiedene anprobiert haben, bis ich mich für ein rosa Kopftuch entschied. Es war mein erstes Bewerbungsgespräch seit langer Zeit und ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen.

Ich war zu dem Zeitpunkt nur zwei Semester vom Abschluss meines Pharma­ziestudiums entfernt. Nahezu alle meine Studienkolleginnen und Studienkollegen arbeiteten bereits in Apotheken. Das ist üblich so, denn auf diese Weise sammelt man auch reichlich praktische Erfahrung. Ich dachte daher nicht, dass es schwer sein würde eine Stelle zu finden. Ich schickte fünf Bewerbungen aus. Dann weitere zehn. Jede Woche wurden es mehr. Ich habe mitgezählt. Es waren bis zu diesem Tag 330 Bewerbungen, die mir 327 Absagen einbrachten1 und zwei erfolglose Bewerbungs­gespräche. Nun also bekam ich endlich wieder die Gelegenheit, einen Apotheken­inhaber von mir zu überzeugen. Dass er das Gespräch lieber in einem benachbarten Café und nicht in seiner Innenstadtfiliale führen wollte, fand ich zunächst gar nicht befremdlich – das fiel mir erst im Nachhinein auf.

Ich schüttelte also seine Hand, lächelte freundlich und setzte mich. Und dann kam er, der Klaps. Und eine vertiefende Erklärung hinterher: „Wenn Sie nämlich dazu bereit sind, das Kopftuch abzulegen, dann können wir Sie gleich anstellen und Ihnen nach Abschluss des Studiums eine Stelle als Aspirantin anbieten.“ Ich war zu­nächst einmal sprachlos. Ich musste meine Tränen zurückhalten. Er hatte mir das Gefühl vermittelt, dass ich alle Kriterien erfüllte und nur das Kopftuch zwischen mir und meinem Traum, Apothekerin zu werden, stand. Ich musste daran denken, was für ein Glück es war, dass hier im Paket eine Aspirant:innenstelle mit angeboten wurde. Ich wusste aus Erfahrung, dass einige Absolvent:innen auch noch Jahre nach Abschluss des Studiums nach einer solchen Chance suchen – und mir würde sie einfach so in den Schoß fallen. War das die Ironie des Schicksals, die hier im Spiel war? Oder ist das nicht schon eher Zynismus? Ich hatte keine Sekunde darüber nachgedacht, das Kopftuch abzulegen, aber in diesem Moment hatte ich volles Verständnis für all jene Frauen, die sich in so einer Situation dafür entscheiden.

Ich habe jedenfalls sein Angebot abgelehnt. Ich wollte mir seine Frage nicht einfach so gefallen lassen und fragte ihn, was denn passieren würde, wenn ich das Kopftuch ablegte? Würde ich dadurch schlauer? Freundlicher? Hübscher? Respek­tabler? Ich wurde zornig, hielt mich aber unter Kontrolle. Also sagte ich ihm nur, dass ich ohnehin nicht in einer Apotheke arbeiten würde, wo ich wüsste, dass ich, so wie ich bin, nicht akzeptiert werde. Er meinte bedeutungsschwanger, dass mir ein „schwieriger Weg“ bevorstünde. Aber ich habe seine Schlauheit nicht gebraucht, um das längst zu wissen. Die 329 Absagen vor diesem Termin haben mir den Blick auf etwaige romantische Seiten des Arbeitsmarkts leider gründlich verstellt. Jedes Mal, wenn eine Absage in mein Postfach flatterte, fraß sie mir ein kleines Stück Hoffnung weg und machte mich eine weitere Ecke zynischer.

In einem Versuch, mich aufzumuntern – oder in seinen Augen womöglich auf den „rechten Pfad“ zu bringen –, versicherte er mir, dass er sehr beeindruckt sei von mir und meiner Zielstrebigkeit. Er fände aber, dass man veraltete Regeln der Religionen hinterfragen müsse. Er ließ es sich nicht nehmen, mir eine „Dame von der SPÖ“ zu „empfehlen“, mit der er mich vernetzen wollte, weil sie mir dabei helfen könnte, mich „vollständig zu integrieren“. Das war der Punkt, wo ich aufgestanden bin, um das Café zu verlassen. Er aber wollte noch schnell von mir wissen, ob ich denn Brüder hätte – und als ich mit Ja antwortete, bohrte der verhinderte Investigativjournalist nach, ob meine Eltern mich und meine Brüder wirklich gleichberechtigt erzogen hätten. Meine Antwort darauf war meine Verabschiedung. Muss man sich auf jeden Unsinn einlassen?

Nach dem Termin war ich einfach nur wütend. Wütend auf ihn, weil er ein Arsch war. Wütend auf das System, das auch im 21. Jahrhundert noch voller Diskriminierung ist. Wütend, weil ich Jahre nur mit Lernen verbracht hatte und trotzdem keinen Job finden konnte. Ich habe viel geweint an diesem Tag. Ich habe versucht, nicht mehr daran zu denken. Nur zwei Menschen habe ich von diesem Vorfall überhaupt erzählt. Ich habe ihn nirgends gemeldet, was würde das bringen? Wer würde mir glauben? Ich habe auch nie daran gedacht, zu klagen2, es erschien mir zwecklos. Also beschloss ich, ihn und seine Worte zu verdrängen.

Es war natürlich schwer, gar nicht daran zu denken. Ich begann, mir selbst die Schuld zu geben. Vielleicht war ich einfach nicht gut genug, überlegte ich. Immerhin kannte ich Kolleginnen mit Kopftuch, die in Apotheken arbeiteten. Es ist ja nicht die Branche als Ganzes diskriminierend. Ich spürte eine wachsende Angst, weitere Apotheken anzuschreiben. Ich wollte keinesfalls wieder ein solches Erlebnis durchmachen. Ich war komplett demotiviert. Bis zum Sommer 2020 schickte ich keine einzige Bewerbung mehr aus, weil ich überzeugt war, dass mich keiner nehmen würde. Mit meinem Studium habe ich trotzdem weitergemacht. Pharmazie ist meine Leidenschaft und ich wollte unbedingt meinen Abschluss erreichen. Ich habe aber überlegt, parallel dazu eine pädagogische Ausbildung zu machen – in diesem Feld rechnete ich mir bessere Chancen aus, einen Job zu finden. Die Hoffnung auf eine Karriere als Apothekerin hatte ich gänzlich aufgegeben.

Als ich dann an einem warmen Tag im Juni eine Freundin traf und ihr von meinem neuen Plan erzählte, war sie zunächst verdutzt, machte mir aber dann Mut, mich doch wieder bei Apotheken zu bewerben. Sie bläute mir ein, dass ich einen Job finden werde und eine Arbeitgeber:in, die zu mir passt, die mich trotz – oder gerade wegen – meines Kopftuchs anstellen würde. Es waren genau die paar Sätze, die ich hören musste, um mich wieder wertvoll zu fühlen. Noch am selben Tag schickte ich eine Bewerbung ab. „Sehr geehrte Frau X., mein Name ist Esma N. und ich will bei Ihnen in der Apotheke arbeiten.“ Ich wurde zu einem Gespräch eingeladen und war klarerweise nervös. Die Inhaberinnen der Apotheke interessierten sich nicht für mein Kopftuch. Sie wollten wissen, was ich kann. Seit vier Monaten arbeite ich jetzt dort und bin glücklich. Doch das Gefühl der Angst begleitet mich noch immer: Jetzt ist es die Angst, den Job wieder zu verlieren und in die alte Situation zurückzufallen. Ich möchte nichts riskieren. Deshalb will ich auch lieber nicht meinen echten Namen über diesen Text setzen.

Ich wünschte, ich könnte zum Abschluss sagen, dass es sich ja doch lohnt, auch die 331. Bewerbung abzuschicken. Dass ich gelernt habe: Man muss immer optimistisch bleiben, man darf nicht aufgeben. Dass am Ende die Katharsis wartet. Aber so ist es nicht. Ich bin ein Stück realistischer geworden, und das heißt wohl: pessimistischer. Die Chance, dass ich einen Job finde, liegt nun einmal bei 1 zu 331.

1AUF GUT GLÜCK
Studien belegen, was Musliminnen seit Jahren beklagen: Sie werden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Laut einer 2016 vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) durchgeführten Studie müssen Musliminnen, die Kopftuch tragen, mehr als viermal so viele Bewerbungen ausschicken, bevor sie eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhalten, als Frauen, die als deutsch und nichtmuslimisch gelesen werden. Unter der Leitung der Ökonomin Doris Weichselbaumer wurden 1500 fiktive Bewerbungen an Unternehmen in Deutschland ausgeschickt, immer von zwei fiktiven Bewerberinnen: „Sandra Bauer“ und „Meryem Öztürk“. Sandra Bauer erhielt auf rund 19 Prozent ihrer Bewerbungen eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, die kopftuchtragende Meryem Öztürk mit den identischen Qualifikationen nur auf vier Prozent. Eine weitere er­schreckende Erkenntnis: Mery­ems Jobchancen sanken, je höherqualifiziert die ausgeschrie­bene Stelle war. Musste Meryem 2,5-mal mehr Bewerbungen für ein Jobinterview als Sekretärin versenden, waren es 7,6-mal mehr bei der Stelle als Bilanzbuchhalterin. Doch nicht nur muslimische Frauen sind von Diskriminierung betroffen: Im Jahr 2018 veröffentlichten die beiden Religionssoziolog:innen Anaïd Lindemann und Jörg Stolz von der Universität Lausanne einen Artikel über die Jobchancen von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz. Sie zeigten darin deutlich: Ein höheres Bildungsniveau erhöht die Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit bei Muslim:innen. Muslimische Hoch­schulabsolvent:innen in der Schweiz sind mit 15-prozentiger Wahrscheinlichkeit arbeitslos. Bei ihren nichtmuslimischen Kolleg:innen beträgt dieser Wert nur 2,5 Prozent.

2KANN ICH KLAGEN?
„Das [österreichische] Gleichbehandlungsgesetz verbietet Diskriminierungen in der Arbeitswelt aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Weltanschauung, Alter oder sexueller Orientierung. Betroffene haben die Möglichkeit, kostenlos vor einer Gleichbehandlungkommission ein Verfahren in die Wege zu leiten. Hier wird festgestellt, ob eine Diskriminierung stattgefunden hat und mit Gutachten darüber entschieden. Dieses kann vor Gericht als zusätzliches Beweismittel verwendet werden. Sollte eine Diskriminierung festgestellt werden, schlägt die Kommission meist einen Schadenersatz an die betroffene Person vor. Betroffene haben auch da­ nach die Möglichkeit, vors Zivil­gericht zu gehen. Hier ist jedoch zu beachten, dass ein solches Verfahren mit einem Kostenrisiko verbunden ist.“

Zitat aus: Antimuslimischer Rassismus Report 2019 der österreichischen Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus

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