Und was liest du so?

Ali Mahlodji ist Europäischer Jugendbotschafter, Mentor für Unternehmer:innen und einer der gefragtesten Speaker zu Bildungs- und Arbeitskultur im deutschsprachigen Raum. QAMAR hat den Autor von drei Büchern zu seinen Lesegewohnheiten befragt.

Text: Clemens Stachel Fotos: Diva Shukoor

Herr Mahlodji, können Sie sich noch an die Bücher erinnern, die Sie als Kind gefesselt haben?
Ja, ich kann mich sehr gut an mein Lieblingsbuch als kleines Kind erinnern. Es hieß „Die Zauberkastanie“ und handelte von einem Jungen mit einer Gehbehinderung, der eine magische Kastanie findet, die sein Leben verändert. Dann erinnere ich mich natürlich auch an „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe. Gerade in unserer heutigen Welt hat diese Geschichte wieder eine irrsinnig starke Botschaft für Kinder, nämlich: Dieses ständige Sich-Vergleichen mit den anderen auf Social Media bringt einfach nichts, denn es gibt niemanden, der so ist wie du. Und nicht zu vergessen, ein großer Klassiker meiner Kindheit: viele, viele „Lustige Taschenbücher“ von Walt Disney.

Was war Ihr Einstieg in die „Erwachsenenliteratur“?
Wahrscheinlich, als ich als Jugendlicher das Genre der Autobiografien entdeckte. Das waren die dicksten Wälzer, die ich damals verschlungen habe. Es gibt wenig, was meine Neugier mehr weckt als die Lebensgeschichten anderer Menschen, und das ist bis heute so geblieben. Das war auch ein wesentlicher Antrieb für die Idee, whatchado zu gründen – als eine Onlineplattform der Lebensgeschichten. Ein Buch, das mein Leben wirklich verändert hat, war „Silicon Valley“ von David A. Kaplan, das die Geschichte des Informationstechnologie-Booms in Kalifornien seit den 1970er Jahren nachzeichnet. Das hat mir zum ersten Mal den Blick in diese Welt eröffnet, wo Menschen mittels Technologie aus Ideen Dinge erschaffen. Ohne dieses Buch würde es whatchado und alles, was ich heute tue, nicht geben.

Aber weil Sie nach „Erwachsenenliteratur“ gefragt haben – ich muss zugeben, ich lese bis heute nicht wirklich viel „erwachsene“ Literatur. Wenn ich nach einem Vortrag vor 700 Manager:innen in der Bahnhofsbuchhandlung stehe – ich spreche natürlich von der Zeit vor der Pandemie – und für die Heimfahrt ein Buch kaufe, dann ist das nicht der neue, große Bestsellerroman, über den die ganze Welt spricht, sondern meistens ein „Lustiges Taschenbuch“. Und ich sitze dann im Zug und amüsiere mich mit Donald und Dagobert Duck.

Die Literatur, die man in der Schule so durchnimmt, scheint Sie nicht besonders interessiert zu haben. Sie haben die Schule sogar kurz vor der Matura abgebrochen.
Ich habe auch in der Schule gute Bücher kennengelernt, die „Schachnovelle“ etwa. Aber dieses Lesen unter Zwang, wie es in der Schule oft praktiziert wird, hat bei mir eher widerwillige Reaktionen ausgelöst. Eines der maßgeblichsten Bücher für mein Leben habe ich ausgerechnet dann entdeckt, als ich die Schule gerade hingeschmissen hatte. Das war „Die Kunst des Managements“ von Peter F. Drucker. Ich habe einen Job in einer Apotheke im 1. Bezirk in Wien angenommen, habe dort im Lager gearbeitet und chinesische Kräuterpulver gemixt. Jeden Tag in der Mittagspause, während die Kolleg:innen gegessen und gequatscht haben, bin ich hochkonzentriert in dieses Buch versunken. „Glaubst du, du wirst mal Manager, oder wie?“, haben mich die anderen aufgezogen. „Ja, eines Tages werde ich ein Unternehmen managen“, habe ich dann geantwortet, „aber ich muss zuerst verstehen, wie das funktioniert.“

Wie viele Bücher lesen Sie im Monat?
Ich bin stark von Neugierde getrieben. Wenn ich neugierig bin auf ein bestimmtes Thema und ein Buch dazu finde, bin ich normalerweise nach zwei, drei Tagen damit durch. Letztes Jahr ist bei mir zum Beispiel das Thema Quantenphysik aufgeschlagen und hat mich nicht mehr losgelassen. Innerhalb eines Monats habe ich zwölf Bücher zu dem Thema gelesen – bis ich das Gefühl hatte, jetzt habe ich einen Einblick. Es gibt aber dann wieder Monate, wo ich in kein einziges Buch hineinschaue. Also sagen wir, im Durchschnitt werden es drei Bücher pro Monat sein.

Welche Ordnung herrscht in Ihrem Bücherregal?
Gar keine. Ich hatte einmal eine thematische Ordnung, das wurde mir aber zu aufwendig. Jetzt, nachdem ich ein Buch herausgenommen und gelesen habe, stecke ich es einfach irgendwo wieder zurück. Das bedeutet aber leider auch: Immer, wenn ich einen bestimmten Titel suche, finde ich ihn garantiert nicht. Dafür immer etwas anderes. Am meisten liebe ich aber diese Momente, wenn ich in meinem Bücherregal ein Buch entdecke und mir denke „Hey, das Buch hab ich?! Wie geil ist das! Wusste ich gar nicht mehr!“ – und dann zu blättern beginne und mich aufs Neue darin verlieren kann.

Ali Mahlodji hat die Berufsorientierungsplattform whatchado.com mitgegründet und lebt heute als Autor, Keynote-Speaker und Trendforscher in Wien. Empfehlung der Redaktion: sein Interview-Podcast Die Ali Mahlodji Show.

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