Mit der Nadel malen

Wenn sie feinen Garn durch ein Stück Leinen zieht und aus einer Idee künstlerische Unikate werden – dann findet Stickerin Rahma Yasin ihre Ruhe vor dem Alltag.

Text: Salma Imara Fotos: Diva Shukoor

Vornübergebeugt sitzt Rahma Yasin an ihrem Schreibtisch. Ihre dunklen Augen richten sich konzentriert auf den Rahmen in ihren Händen. Das Motiv: arabische Kalligrafie, umrandet von verschlungenen Zweigen mit Blüten. Yasins Handbewegungen sind stetig, ruhig, gezielt. Mit einer Genauigkeit, die man eher von Stift und Papier kennt, zieht sie Buchstaben schwungvoll in den Leinenstoff. Jeder Nadelstich muss sitzen, denn er ist nur schwer rückgängig zu machen. Der Garn gräbt sich in den Stoff, geht unter in der entstehenden Stickerei. Verschwimmt zu einer Einheit, die sich nur bei näherem Hinsehen als das Zusammenspiel hunderter hauchdünner Fäden zu erkennen gibt.

Als Malen ohne Pinsel bezeichnet Yasin das Sticken. Dabei hat sie es am Anfang ganz anders eingeschätzt. Vielleicht sogar unterschätzt, als sie vor einem Jahr das spontan bestellte Starterkit in Händen hielt. „Ich hatte das Vorurteil, dass Sticken nur ein Rein- und Rausstechen der Nadel ist. Das erste Stück war schrecklich, es war technisch sehr dilettantisch“, erzählt Yasin von ihren Anfängen. Mittlerweile zählt sie zu den originellsten Vertreter:innen des Stick-Revivals in Wien.

Die winzigen Stiche in Yasins Stücken, die sich zu einem großen Ganzen verbinden, sind für sie ein Sinnbild: „Ich bin mehr als meine Religion, mehr als das, was ich auf dem Kopf trage, oder das, was ich hobbymäßig mache. Man muss das als ein Gesamtpaket sehen, das sich nicht auf ein Detail reduzieren lässt.“ So kann man ihre Stickereien nicht einem Genre
zuordnen, die einzige gemeinsame Komponente scheint Emotion zu sein. Ihre Motive reichen von islamischer Kalligrafie
bis hin zu Animes oder Momentaufnahmen der Natur.

Im Sticken hat Yasin etwas gefunden, das ihr liegt. „Andere würden es vielleicht Begabung nennen, aber ich sehe es eher als harte Arbeit. Wenn du Zeit investierst, kannst du nur wachsen.“ 45 Rahmen hat Yasin bislang gestickt. Das sind hunderte Stunden Arbeit, geprägt von Fehlversuchen und Neuanfängen, Geduld und Disziplin, müden Augen und Erfolgsmomenten. Angetrieben von der Bereitschaft, zu lernen, zu wachsen, zu schaffen.

Yasin möchte ihrer Kreativität keine Grenzen setzen, ihre Stickereien sind lebendig, schwungvoll, frei. Statt auf festen Kreuzstichstoffen, die vorgegebene Einstichlöcher haben, stickt sie auf buntem Leinen. Erzwungene Symmetrie missfällt ihr. Durch die Stickkunst hat Yasin einen Weg zu Erholung und Selbstentfaltung gefunden, zu einem Gefühl von Freiheit.

Weitere Beiträge
Ein Webshop für BIPOC-Literatur