„Bosnisch wird als Sprache immer noch geleugnet“

Die Wiener Slawistin und Romanistin Azra Hodžić-Kadić veröffentlichte vor Kurzem ein Lehrbuch für Bosnisch als Fremdsprache. QAMAR hat mit ihr über die Bedeutung der Muttersprache für die bosnische Diaspora und das Besondere an Bosnisch als Fremdsprache gesprochen.

Text: Nedad Memić Fotos: Diva Shukoor

Frau Hodžić-Kadić, was hat Sie motiviert ein Lehrbuch über Bosnisch als Fremdsprache zu veröffentlichen?

Es gibt zwei Gründe dafür. Der erste ist relativ einfach: Ich habe mehrere bereits veröffentlichte Lehrbücher für Bosnisch als Zweit- und als Fremdsprache analysiert. Das Angebot ist leider sehr knapp und passt nicht zum modernen methodisch-didaktischen Ansatz des Fremdsprachenunterrichts. Darüber hinaus können nicht alle Sprachniveaus (von A1 bis C2) in einem einzigen Buch behandelt werden. Daher habe ich mich dazu entschlossen, Lehrbücher für Bosnisch nach dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen zu schreiben.

Der zweite Grund ist komplexer. Manche der bereits existierenden Lehrbücher waren einseitig ausgelegt. In ihnen wurde nur eine Volksgruppe im Material erwähnt. Das entspricht aber nicht der Realität, denn Bosnien-Herzegowina ist ein multiethnisches Land. Die Sprache kann nicht nur auf eine Volksgruppe beschränkt oder „privatisiert“ werden, was leider manche versuchen, indem sie behaupten, dass es Bosnisch nicht gibt. Stattdessen pochen sie darauf die Sprache als Bosniakisch zu definieren. Ich wollte daher Lernmaterialen erstellen, in denen Bosnien-Herzegowina ganz frei von nationalistischen Perspektiven vorkommt und das Gemeinsame statt dem Trennenden hervorgehoben wird. Daraus ist dann Otkrij bosanski 1 (Entdecke Bosnisch 1) entstanden.

Das erste Buch ist nur ein Teil eines umfassenderen Projektes. Woran wird noch gearbeitet?

Im Rahmen des Projektes sollen drei weitere Lehrbücher, zwei Grammatikbücher sowie ein Lehrbuch für Business Bosnisch herausgegeben werden. Zudem sollen die Bücher in unterschiedliche Sprachen übersetzt werden. Das erste Buch ist jetzt schon dreisprachig (Bosnisch-Deutsch-Englisch). Derzeit gibt es Gespräche Otkrij bosanski 1 („Entdecke Bosnisch 1“) ins Arabische, Ungarische, Slowenische, Russische, Türkische, Französische und ins Japanische zu übersetzen, weitere Sprachen sollen folgen. Ich glaube fest daran, dass Bosnisch nach Abschluss dieses langfristigen Projektes, seinen wohlverdienten Platz zwischen anderen Fremdsprachen einnehmen wird.

Ein Herzensprojekt also?

Definitiv. Ich muss aber betonen, dass ich keine finanzielle Hilfe seitens irgendwelcher Organisationen erhalte. Ich versuche das ganze Projekt mit Hilfe von Verlagshäusern auf die Beine zu stellen. Aber das hält mich trotzdem nicht davon ab, zu versuchen Bosnisch auf ein höheres Niveau zu heben. Es steckt daher sehr viel Liebe, Motivation und Ausdauer darin.

Sie haben es aber nicht beim Buch belassen. Auf Ihre Initiative hin wird am Sprachenzentrum der Universität Wien zum ersten Mal Bosnisch als Kurs angeboten. Warum haben Sie sich dafür eingesetzt?

Ich unterrichte seit fast elf Jahren Kroatisch, Serbisch und Französisch an verschiedenen Bildungseinrichtungen. Die Möglichkeit, Bosnisch als eigenständiges Fach zu unterrichten, hatte ich jedoch nie. In Österreich gibt es nun mal leider kaum eine Hochschule, die Bosnisch als separates Fach anbietet. Man kann die Sprache meist im Rahmen eines Slawistik-Studiums als Bosnisch/Kroatisch/Serbisch lernen. In manchen Fällen wird sie allerdings völlig vernachlässigt, bewusst geleugnet oder als „Bosniakisch“ abgetan. Selbst heute noch gibt es Slawist:innen, die im Bosnischen nur eine Varietät des Serbischen oder des Kroatischen sehen und dies an die Studierenden so weitergeben. Deshalb war es mir ein Anliegen, dass wir neben der kroatischen und serbischen Sprache auch die bosnische Sprache am Sprachenzentrum der Universität Wien einführen. Ich will, dass Bosnisch auch akademisch als eine eigene Sprache wahrgenommen wird.

Leider scheiterte die Einführung des Kurses ab dem Sommersemester 2021 an der Teilnehmer:innenzahl.

Ich muss gestehen, dass ich aufgrund der Berichterstattung in bosnischen Medien davon ausgegangen bin, dass es viele Anmeldungen von Student:innen mit bosnisch-herzegowinischem Hintergrund geben würde. Dem war leider nicht so. Es gab sieben Kursanmeldungen und nur eine Person hatte eben Wurzeln in Bosnien und Herzegowina. Die restlichen Interessierten waren Österreicher:innen. Der Termin des Kurses wurde jedoch kurzfristig von Montag auf den Donnerstag verschoben, was dazu führte, dass zwei Personen absagen mussten. Man braucht aber eine Mindestzahl von sechs Kursteilnehmer:innen.

Das muss frustrierend gewesen sein.

Sehr. Ich orte Desinteresse an der bosnischen Sprache vonseiten der Student:innen mit bosnisch-herzegowinischem Hintergrund sowie Eltern mit jungen Kindern. Manche verwechseln leider auch Integration mit Assimilation und das führt zu einem Verlust der sprachlichen Identität. Ich hoffe aber, dass sie „aufwachen“ und wir im Wintersemester mit dem Kurs starten können.

Bosnisch ist erst seit den frühen 1990er Jahren als eine unabhängige Sprache anerkannt. ist es im Unterschied zum Serbischen und Kroatischen im Ausland weniger bekannt.

Durch das jahrelange Kroatisch-Unterrichten weiß ich, dass der kroatische Staat erhebliche Mittel in die internationale Popularität der kroatischen Sprache investiert.

Es gibt eine ganze Reihe von Lehrbüchern, Apps, CDs und vieles mehr, um die Sprache zu lernen. Außerdem ist Kroatien durch den attraktiven Zugang zum Meer ein beliebtes Urlaubsland, was ein sehr häufiger Grund ist, Kroatisch zu lernen. Serbien folgt diesem Beispiel nun, während Bosnien-Herzegowina in Bezug auf die bosnische Sprache und deren Status im Ausland wenig unternimmt. Außerdem existiert leider immer noch die angesprochene nationalistische Politik, die sich gegen die Eigenständigkeit der bosnischen Sprache richtet.

Ist das mit ein Grund, warum man Bosnisch als Fremdsprache nicht studieren kann?

Leider wird diese Disziplin völlig vernachlässigt, ebenso wie die Pflege und Erhaltung der bosnischen Sprache in der Diaspora. Die Kinder in der Diaspora sprechen acht bis zehn Stunden am Tag die Sprache des neuen Heimatlandes. Bosnisch ist ihnen bereits fremd genug. Wer an Lehrbüchern arbeitet, muss dies berücksichtigen bzw. ein geeignetes Konzept für Bosnisch als Fremd- und Zweitsprache entwickeln. Zusätzlich ist auch Feldforschung erforderlich. Wir haben fast keine Expert:innen, die sich mit Bosnisch als Zweit- oder Fremdsprache befassen. Ich hoffe, dass das Interesse der jungen Bosnisten in dieser Disziplin wächst und dass sie uns in naher Zukunft geeignetes Material anbieten werden, um damit den Unterrichtsprozess in der Diaspora zu erleichtern.

In Österreich werden Bosnisch, Kroatisch und Serbisch in den öffentlichen Schulen immer noch als eine Sprache unterrichtet. Dieser Umstand wird aber von vielen Eltern kritisiert. Ist es an der Zeit, das gemeinsame Fach BKS in Österreich abzuschaffen?

Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, die den muttersprachlichen Unterricht an den Schulen finanziert. Natürlich ist die Situation nicht perfekt, aber ich denke, dass das bestehende Modell eines Bosnisch/Kroatisch/Serbisch-Unterrichts besser ist als gar kein muttersprachlicher Unterricht.

Azra Hodžić-Kadić unterrichtet Bosnisch und Kroatisch am Sprachenzentrum der Universität Wien und ist Projektmitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Februar ist ihr neues Lehrbuch für Bosnisch als Fremd- und Zweitsprache Otkrij bosanski 1 („Entdecke Bosnisch“ 1) im E. Weber Verlag erschienen. Aktiv spricht Hodžić-Kadić acht Sprachen und lernt gerne in ihrer Freizeit weitere.

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