Die Qual der Zahl

Wer oder was gibt dieser kleinen Zahl ihre verdammte Macht? Warum bohrt der simple Gedanke an das eigene Körpergewicht so vielen Menschen ein Loch in die Seele? Drei Menschen sprechen mit QAMAR über ein Thema, das eigentlich keines sein sollte.

Text: Emina Mujagić Fotos: Diva Shukoor

„Du bist schön, aber wenn du abnehmen würdest, dann wärst du sicher noch schöner!“ Elvan Atas muss selbst fast lachen, wenn sie ihre Stimme verstellt, um diesen Satz nachzusprechen. „Diesen ‚guten‘ Ratschlag habe ich in meinem Leben so oft gehört“, sagt sie. Besonders von engsten Familienmitgliedern. Die 23-jährige Studentin aus Graz weiß, dass derartige Kommentare nie böse gemeint waren, eher vielleicht als Motivation. Trotzdem haben sie einen Abdruck in ihrer Psyche hinterlassen. „Und alles war aufgehängt an dieser Zahl“, sagt sie – dem Körpergewicht. Eine ganz normale Zahl eigentlich, die für sich allein unauffällig wäre und erst durch die zwei Buchstaben daneben – kg – diese immense, oft zerstörerische Bedeutung bekommt. Vor allem dann, wenn die Zahl von Menschen aus dem persönlichen Umfeld als zu hoch eingestuft wird. „Diese Zahl hat mein Leben ganz direkt und massiv beeinflusst – und auch das Leben von so vielen anderen Menschen. Es ging immer darum, diese Zahl zu verändern, um damit Erwartungen zu erfüllen“, beklagt Atas. Unrealistische Erwartungen, sagt sie, die nie im Entferntesten ihre eigenen waren. Erwartungen, die von außen kamen – aus der Familie, aus Zeitschriften, Filmen und Fernsehsendungen. Seit einigen Jahren macht das Wort „Fatshaming“ auch im deutschen Sprachraum die Runde. Andere persönlich oder anonym aufgrund von „Übergewicht“ bloßzustellen, ist wohl eine der omnipräsentesten Diskriminierungsformen auf dem Planeten. Und sie lässt Hunderte Millionen von Menschen völlig verzerrte Wahrnehmungen ihres eigenen Körpers entwickeln.

Messen, Messen, Messen

„Es wird im Allgemeinen sehr viel gemessen, um gewisse Normen und Ideale zu etablieren“, sagt die Psychotherapeutin Alma Brkić-Elezović. „Die weiblichen ‚Idealmaße‘ 90-60-90 geistern hier genauso oft durch die Medien wie diverse Grenzwerte des Body-Mass-Index.“ Als „idealer“ BMI gilt alles zwischen 18,5 und 24,9, eine kleinere Zahl bedeutet Untergewicht, 25 oder darüber Übergewicht. Dabei sind diese Zahlenspiele selbst höchst fluktuierend über die Jahrzehnte, besonders Zentimetermaße bilden viel eher gesellschaftliche Trends als medizinische Erkenntnisse ab. Brkić-Elezovićs Patient:innen sind überwiegend junge Frauen, sie ist gut vertraut mit den sich immer wieder akut erneuernden Ausformungen der gesellschaftlichen Zwänge und Schönheitsplagen. Eine recht neue Wortschöpfung ist etwa die „Selbstoptimierung“. Ein Begriff, der anscheinend ganz neuen Zielgruppen das unbestimmte Gefühl zu vermitteln vermag, sich und ihre Körper verändern und einer vermeintlichen Bestform annähern zu müssen. Altbekannte Zahlen wie das Körpergewicht oder eingenommene Kalorien pro Tag erhalten lifestylishe Updates und bleiben in der Alltagsdiskussion erstaunlich präsent.

Die Angst, nicht nur von der Gesellschaft schlecht behandelt, sondern auch aus Freundeskreisen ausgeschlossen zu werden, sei ein wesentlicher Faktor in diesem Kontext, erklärt Brkić-Elezović. „Ich als einzelner Mensch will vielleicht gar nicht abnehmen – aber irgendwie bekomme ich das Gefühl, dass ich muss. Weil alle anderen es auch machen“, sagt sie. „Die Botschaft ist: So musst du ausschauen, und wenn du nicht so ausschaust, dann grenzen wir dich aus.“ Durch die Digitalisierung würden sowohl diese Angst als auch der Druck zunehmend in den sozialen Medien aufgebaut, so die Psychotherapeutin. Vielen Kindern und Jugendlichen fällt es schwer, dieser konstanten Belastung standzuhalten. „Sie messen ihre Schönheit in Zahlen. Wie viel Kilo hast du? Wie viel habe ich? Aber auch: Wie viele Follower:innen hast du?“

Brkić-Elezović würde sich mehr Aufklärungsarbeit wünschen. Einerseits gehe es darum, Kindern zu erklären, dass die Online-Bilderwelt ein Ergebnis aus Filtern und Bildbearbeitungen ist, andererseits, auf psychologischer Ebene, gehe es darum, jungen Menschen aufzuzeigen, dass das Gewicht niemals den Wert eines Menschen definiert.

Für viele übergewichtige Menschen ist es wie ein Kampf des Verstandes gegen das eigene Gefühl. Emina Zmijanac* führt diesen Kampf schon ihr halbes Leben lang. Die 17-jährige Schülerin aus Wien war schon als kleines Mädchen mit den Dynamiken der sogenannten Schönheitsideale in den sozialen Medien konfrontiert. Damals, sagt sie, habe sie noch nicht differenzieren können, im Gegensatz zu heute: „Es war ein Prozess, zu verstehen, dass diese Zahl auf der Waage nichts über mich aussagt. Heute gehe ich viel reflektierter mit dem Thema um.“ Dafür nahm sie sich eine lange Auszeit von Instagram, das habe ihr gutgetan, erzählt sie. Zmijanac weiß aber, dass sie sich den größten Teil des Drucks selbst macht, auch wenn ab und zu unreflektierte Kommentare von Verwandten oder Bekannten kommen. „Man wird oft mit anderen Familienmitgliedern ähnlichen Alters verglichen, und das bleibt mir auch heute noch im Kopf“, sagt sie.

Menschen werden einerseits von anderen Menschen belastet und belasten sich andererseits selbst – ein Kreislauf der Unsicherheit entsteht, beobachtet Isabel Bersenkowitsch, Ernährungstherapeutin und -beraterin in Wien, die sich selbst als „Anti-Diät-Diätologin“ bezeichnet. Welche Körperformen „gehören“ versteckt? Welche Kleidergrößen „passen“? Wer „darf“ was anziehen? Vor allem eng anliegende Kleidung wird geradezu als Einladung zu abschätzigen Kommentaren missverstanden. „Die Unsicherheit, die urteilende Kommentare in uns auslösen, führt meist dazu, dass wir uns der dahinterliegenden Dynamik unterwerfen. Es ist daher ganz entscheidend, dass wir unseren Selbstwert nicht an messbare Einheiten koppeln, sondern woanders finden. Daraus erwächst dann auch ein selbstbewussteres Auftreten“, sagt Bersenkowitsch. Aber das sei zweifellos kein einfacher Prozess. Die eigene Erkenntnis reicht nicht, um eine ganze Gesellschaft drumherum zu verändern.

Gramm um Gramm

Auch Ali Dönmez kennt dieses Dilemma. Das Gewicht war für den mittlerweile 34-jährigen Logopäden aus Niederösterreich in seinen jüngeren Jahren ein großes Thema. Wenn er sich jetzt Fotos von damals ansieht, dann sieht er einen schlanken, sportlichen Zwanzigjährigen, kann sich aber sehr gut daran erinnern, dass er sich zu dieser Zeit nie so fühlte. Er spielte damals im Amateurbereich Basketball, trainierte mehrmals die Woche. „Ich wurde darauf trainiert, dass diese Zahl immer eine große Rolle für mich spiele“, so Dönmez. Aus der Leistungsperspektive betrachtet, sei immer Druck vorhanden gewesen. „Ich habe von Kameraden immer wieder zu hören bekommen, dass ich ja ein kleines Bäuchlein hätte“, erinnert er sich. Interessanterweise wurde ihm die Sorge um sein Gewicht dann aber von unterschiedlichen Leuten als unmännlich ausgelegt. „Nur Frauen achten auf so was, meinten meine Freunde“, so Dönmez. Auch er hat lang gebraucht, um seine Erfahrungen zu verarbeiten.

Dönmez wünscht sich, dass auch die unter Männern kursierenden falschen Schönheitsbilder stärker thematisiert werden. Auch hier haben die sozialen Medien mit ihrer Flut von Kraftkammer-Selfies, Waschbrettbäuchen und aufgepumpten Oberarmen, von makellosen Filmstars und allwissenden Fitnessgurus das heutige Bild eines „gesunden Männerkörpers“ massiv in eine Ecke gedrängt. Dass etwa Hollywood-Stars sich immer wieder kurzfristigen, extremen Fitnessdiäten und Muskelaufbauprogrammen verschreiben müssen, oft tagelang dehydrieren, um dann auf den Tag genau perfekt für den Filmdreh auszusehen, alles unter der Anleitung von Ernährungs- und Kampfsportberater:innen, wird in den Bildern, die auf diese Weise entstehen, nicht miterzählt. Und, genauso wie die Möglichkeiten der Fotobearbeitung, von Millionen Fans gerne ausgeblendet – im Glauben an die Erreichbarkeit von „Perfektion“.Obwohl gerade solche Bilder perfekter Hollywood-Körper überhaupt nichts über die Gesundheit der Person aussagen, „motivieren“ sie viele Menschen dazu, eine Diät zu starten oder – in alle Ewigkeit – fortzusetzen. Sie zählen jedes Gramm, jede Kalorie. Sie fasten 18 Stunden am Tag. Sie gehen brav joggen. Machen Yoga. Und bekommen – wenn tatsächlich erste Effekte eintreten und die Gewichtszahl sich reduziert – umgehend Zuspruch und Applaus. Eine absurde Abfolge von Bestrafung, Reumütigkeit und Belohnung, kritisiert Bersenkowitsch. „Die betroffene Person lernt dann, dass sie mehr wert ist, je weniger Gewicht sie hat“, so die Diätologin. Und die Zahl der Likes in sozialen Medien bestärkt dieses Gefühl auch noch.

Das Gewicht anderer Menschen gehe aber grundsätzlich niemanden etwas an, sagt Elvan Atas. Auch dann nicht, wenn die Zahl augenscheinlich kleiner geworden ist. „Es ist mir wichtig, das endlich einmal loszuwerden“, sagt Atas. „Viele Menschen denken, es sei ein Kompliment, jemandem zu sagen, dass er oder sie abgenommen hat, aber ich finde das nicht. Ich will diese Aufmerksamkeit nicht. Ich will nicht, dass mein Gewicht zum Gesprächsthema wird“, sagt sie. Die Zahl auf der Waage kann eine interessante zusätzliche Information sein, mehr aber auch nicht. Die Aufmerksamkeit, die wir ihr einräumen, ist viel zu groß. „Es muss ein breites Umdenken stattfinden“, sagt Atas. „Ich will einfach nur gesund sein – und mir nicht ständig einreden, dass ich irgendjemandem gefallen muss.“

* Name der Redaktion bekannt

Erratum: In einer ersten Version des Textes, die bedauerlicherweise auch in der Print-Ausgabe von QAMAR (Nr. 3) erschienen ist, haben wir unabsichtlich Zitate des Protagonisten Ali Dönmez inkorrekt wiedergegeben. In dieser Fassung ist der Fehler korrigiert. Wir bitten um Nachsicht.

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