Bismillah, Kant und der Islam

Die europäische Aufklärung pochte auf Toleranz, Gleichheit aller Menschen und vernunftgeleitetes Denken. Sie missachtete ihre eigenen Werte jedoch gern, wenn es um die Beurteilung der Muslim:innen ging. Ein Essay von Fahim Amir.

Im letzten Jahrhundert soll es einen Wiener Philosophen gegeben haben, der reihenweise Affären mit seinen Studentinnen hatte, um sie dann stets umgehend „fallenzulassen“. Eine solcherart Verschmähte habe sich dies nicht gefallen lassen und in einer seiner Vorlesungen das Wort ergriffen. Vor versammeltem Hörsaal stellte sie den Herrn zur Rede: „Wie kann ein in Fragen der Moral so gelehrter Mensch moralisch so verkommen sein?“ Darauf der Don Juan vom Institut: „Ein Wegweiser geht ja auch nicht in die Richtung, in die er zeigt.“

Es mag überraschen, aber im Verhältnis zum Islam verhielt sich die deutsche Philosophie der Aufklärung wie der wortgewandte Wiener Lüstling. Ihre wichtigsten Werte – Toleranz, Gleichheit, Fortschrittlichkeit, die Lobpreisung des menschlichen Verstands als höchstes Gut – galten wenig oder wendeten sich in ihr Gegenteil, wenn es um den Islam oder Muslim:innen ging. Trotzdem erfreut sich die deutsche Philosophie der Aufklärung – auch unter gebildeten Muslim:innen – großer Anerkennung. Dies wird durch Irrtümer wie folgenden besonders anschaulich.

In den 1980ern machte ein deutsch-persischer Islamwissenschafter darauf aufmerksam, dass auf der Doktoratsurkunde Immanuel Kants in arabischen Buchstaben bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīmi („im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“) steht. Das ist bemerkenswert, denn mit der Basmala beginnt nicht nur fast jede Sure des Korans, für viele Muslim:innen steht die Basmala auch am Beginn wichtiger alltäglicher Handlungen. Kant wiederum ist niemand Geringerer als der wichtigste deutsche Philosoph der Aufklärung. Für den Islamwissenschafter bewies die Inklusion der Basmala auf einem offiziellen Dokument aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, dass im Kern der deutsch-europäischen Aufklärung eine radikale Offenheit für das Andere schlummerte. Ein Zeugnis jener Zeit und ein Kompass für unsere. Kein Wunder, dass diese Erzählung seit ihrem Bekanntwerden durch Internetforen und Zeitschriften für interreligiösen Dialog geistert.

Der Glaube an Kant ist an dieser Stelle leider gänzlich unbegründet. Es hatte sich bloß um einen längst vergessenen akademischen „Insiderwitz“ gehandelt, sonst nichts. Die Basmala war eine Formel, mit denen Bibelwissenschafter im 17. und 18. Jahrhundert die Titelseiten ihrer Doktorarbeiten geschmückt hatten. Syrische und hebräische Formeln waren übrigens ebenso beliebt gewesen. Bezeichnenderweise auch unter denjenigen, die für Islam und Judentum nicht das Geringste übrighatten. Die Aufklärung hatte also nicht stolz ihr Haupt aus halbvergessenen Archiven erhoben, um die Islam-Verachtung unserer Zeit eines Besseren zu belehren. Die Basmala war bloße Dekoration gewesen, die Unwissende beeindrucken sollte. Wie japanische oder arabische Tattoos heute, hatte sie wegen ihrer lokalen Nichtlesbarkeit etwas Mysteriöses ausgestrahlt. Die kurzfristige Mode war zu Kants Zeit eigentlich schon passé. Das Spiel mit dem Exotischen hatte nur zufällig durch einen Beamten an Kants Universität überlebt. Schade.

Doch welche Rolle spielte der Islam eigentlich im Denken des großen Moralphilosophen?

Für Kant ist der Islam zunächst ein Ärgernis, denn er ist vom angeblich übertriebenen Stolz der Muslime irritiert. Dieses falsche Selbstbewusstsein führt Kant auf ihre halbnomadische Lebensweise zurück. Da Reiten und Herumziehen Freude bereiten, verachten Araber alle hart arbeitenden Sesshaften, halten sich für ihnen überlegen und geben sich ganz den sinnlichen Vergnügungen hin. Das können sie aber ohnehin nicht wirklich genießen, weil dazu höhere Verstandeskräfte nötig sind. Diese besitzen sie natürlich nicht. Ziellos herumschweifend, sind Orientalen für Kant das Gegenteil des modernen Europäers, der sein Bewusstsein mit der Macht der Vernunft kultiviert.

Diese ganze Faulheit passt nicht ganz zum Fanatismus, den Muslime angeblich ebenso an den Tag legen. Aber Kant ist um keine Antwort verlegen: Araber, Türken und Perser haben die wunderlichen Phantasien einer unbegrenzten Vorstellungskraft und akzeptieren diese als unanfechtbare Wahrheiten. Dieses Zuviel an Vorstellungskraft, die durch keine Vernunft kontrolliert wird, macht sie umso fanatischer, weshalb sie den Befehlen ihrer despotischen Führer willenlos folgen.

Illustrationen: Marwa Yasin

Wo Kant nicht weiter weiß, wird Muslimen Drogenkonsum unterstellt. Den Mut der Türken erklärt er sich einfach durch ihre Opiumberauschtheit. Zwar findet es Kant rätselhaft, dass im Islam Wein verboten, Opium hingegen erlaubt ist. Trotzdem behauptet er, dass bei den Persern öffentlicher Opiumkonsum auf der Tagesordnung steht. Für Kant ist der Islam als Ganzes eine Art Opiumtrip – ein von falschen Visionen getriebener, von primitiven Sinnen dominierter, nichtrationaler Glaube. Im Unterschied zur Vernunftreligion des Christentums ist der Islam bloß emotionale Schwärmerei, angestachelt von Mystikern, deren zweifelhafte „Visionen“ gegen seine rationalen Befragungen immun sind. Kurz: Kant spricht den Muslim:innen ab, überhaupt eine echte Religion zu besitzen.

Im Islam siegen Gefühle über die Theologie und die Fantasie über die Moral. Kurz: Muslime sind ewige Lustmolche. Auch bei Kant sterben sie gern, weil im Himmel „Huris“ auf sie warten. Der Islam – mit seiner angeblichen Abscheu vor festen Behausungen, seinen ständigen nomadischen Bewegungen und der unaufhörlichen Unruhe des Harems – ist ein Ungeheuer des Exzessiven. Hat Kant einmal die Vernunft als kleines Land mit „viel Grenze“ bezeichnet, bedeutet Islam für ihn umfassende Entgrenzung.

Wie erklären sich dann jedoch die fünf Säulen des Islam als verbindliche Regeln? Diese sind schließlich mit Arbeit verbunden. Das ist eine richtig harte Nuss für den deutschen Denker. Kants „Mohammedaner“ betet sein Namaz, ohne zu wissen warum, und fastet, um nicht kugelrund zu werden. Dabei bleibt der Orientale aber natürlich immer unreflektiert in der bloßen Befolgung seiner Rituale stecken. Damit entleert Kant den Islam systematisch von allem moralischen Inhalt.

Dieser bösartigen und manipulativen Islam-Karikatur stellt Kant ein Christentum gegenüber, dessen Praktiken natürlich stets mit dem „moralisch Guten“ verbunden sind. Der unvermeidbare Hang des unreflektierten Muslimen zum Sinnlichen hält ihn hingegen auf der unverstandenen Oberfläche seiner Gebräuche fest und bindet ihn sklavisch daran. Kant diffamiert den Islam also nicht nur, sondern spricht ihm jede Bedeutung ab. Der Islam ist der schmutzige Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Geschichte abspielt.

Kants Bemerkungen zum Islam sind größtenteils auf achtlos wirkende Fußnoten verstreut. Darin mag eine bewusste Strategie liegen. Denn Kant sah in „verachtendem Stillschweigen“ die einzig passende Antwort auf pseudo-mystisches Nichtwissen. Schließlich müsse verhindert werden, schreibt er einmal, dass „Philosophen der Vision unbemerkt einen großen Anhang um sich versammeln könnten“, was „die Polizei im Reiche der Wissenschaften nicht dulden kann.“

Dem Vernunftpolizisten reichen deshalb meistens hingeworfene Nebenbemerkungen, um die Andersartigkeit des Islams je nach Bedarf als sinnliche, gutmütig-dümmliche Kindlichkeit oder als wildes, fanatisches Ungeheuer darzustellen. Der einzige Zweck, den Islam überhaupt zu nennen, scheint darin zu bestehen, Kants eigene Vorstellungen eines geordneten, rationalen, moralischen, christlichen Europa aromatische Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Dies ist umso aufschlussreicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kant zeit seines Lebens Reiseberichte aufmerksam studierte und vierzig Jahre hindurch (1756–1799) allgemeinbildende Vorlesungen gab, die seine Studierenden dazu befähigen sollten, Zeitungen lesen und das Weltgeschehen einordnen zu können. Kants bester Freund war ein englischer Kaufmann und seine Heimatstadt alles andere als ein abschüssiges Dorf im deutschen Nirgendwo. Königsberg (wo Kant geboren wurde, lebte und starb) war ein wichtiger Seehafen, der von Schiffen aus der ganzen Welt angelaufen wurde. Das heutige Kaliningrad war zu Kants Zeiten ein Zentrum der deutschen Buchmessen, der Presse und des intellektuellen Lebens, während die Stadt im 18. Jahrhundert zwischen preußischer und russischer Herrschaft hin und her wechselte. Das osmanische Reich war neben Russland seit Jahrhunderten die größte Macht und Kultur vor den Toren Europas. Auf fehlendes Wissen kann sich hier niemand herausreden.

Vieles, was Kant über den Islam wusste, stammt aus den Berichten des deutschen Reisenden und Orientalisten Carsten Niebuhr. Von Niebuhrs vergleichsweise egalitärer Gesinnung und seiner Zurückhaltung, was vorschnelle Verallgemeinerungen angeht, ist bei Kant aber wenig zu bemerken. Zwar beschreibt Kant Türken an einer Stelle als „wohlgestaltet, gastfrei und mildthätig“ und Araber als „aufrichtig, ernsthaft und liebreich“, aber diese Eigenschaften tragen zu keinem anderen Bild der Beschriebenen bei.

Gelegentlich kommen Kant Zweifel, zeigen sich auch beim Grenzpolizisten des Denkens leise Impulse, islamischen Gesellschaften eine Komplexität zuzugestehen, die er für die eigene in Anspruch nimmt. Daraus resultiert aber nie ein Perspektivenwechsel. Wenn es um den Islam geht, sieht Kants Philosophie einer „aufgeklärten“ Inquisition zum Verwechseln ähnlich. Das Urteil steht stets schon vor der Untersuchung fest und das Holz ist längst aufgetürmt.

Die deutsche (und europäische) Philosophie ist bis in ihr innerstes Mark von primitiven und subtilen Formen des Antiislamismus verseucht. Kant ist leider keine rühmliche Ausnahme. Der kleine Mann mit leiser und schwacher Stimme wollte um jeden Preis verhindern, dass muslimische Stimmen gehört werden.

Möglicherweise ist Europa mehr als zwei Jahrhunderte später reif für eine Aufklärung, die diesen Namen verdient. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass sich bei diesem überfälligen Prozess manche Ideen des deutschen Denkers als hilfreich erweisen – ein umgestürzter und im Straßengraben liegender Wegweiser kann schließlich auch einmal in die richtige Richtung deuten. Weitaus wichtiger wird jedoch sein, endlich auch den Stimmen der anderen Gehör zu schenken, obgleich dies im Gedröhne der eigenen Jubelchöre zweifellos nicht immer leicht fällt.

Dr. Fahim Amir lebt als Philosoph und Autor in Wien. Sein zuletzt erschienenes Buch Schwein und Zeit, das der Romantisierung der Natur eine Bio­diversität der Widerständigkeit entgegensetzt, wurde in die Zeit/ZDF-­Sachbuchbestenliste aufge­nommen sowie von Goethe-­Institut und Frankfurter Buchmesse zu einem der besten Bücher des Jahres 2019 gewählt. Es wurde bereits ins Englische und Persische übersetzt und erscheint bald in französischer Sprache.

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