Von Flecken, Knoten und Gummibärchen

Buket Arslan erkennt keine Gesichter, dafür kann sie Brustkrebs ertasten wie keine Zweite. Die Geschichte einer Frau, die ihre Berufung fand.

Text: Nour Khelifi Fotos: Mohammad Al Bdewi

Dank meiner Arbeit sehe ich meine Behinderung als Gabe. Ich kann helfen, Leben zu retten“, sagt Buket Arslan, Medizinisch-Taktile Untersucherin, kurz MTU, mit einem scheuen Lächeln, während ihre Augen stolz funkeln. Ihr Gang zum Arbeitstisch ist sicher, man würde nicht vermuten, dass sie nahezu vollständig sehbehindert ist. Ihr Sehvermögen beträgt zwischen zehn und 15 Prozent, was ihr aber vollkommen reicht. Denn Buket sieht eher mit den Händen. Sehbehinderte und blinde Menschen entwickeln im Lauf ihres Lebens einen ausgeprägten Tastsinn – und dieser lässt sich speziell für die Früherkennung von Brustkrebs weiter schärfen. Als MTU ertastet Buket bis zu 30 Prozent mehr Tumore und 50 Prozent mehr an kleineren Gewebeveränderungen als Frauenärzt:innen. Während Letztere Brustkrebs erst im Zentimeterbereich entdecken können, können MTU wie Buket diesen schon ertasten, wenn er nur wenige Millimeter misst.

In ihren Händen hält sie eine Kette mit verschieden großen Holzkügelchen, die demonstrieren sollen, wie feinfühlig ihr Tastsinn ist. Die größte Kugel hat die Größe einer Cherrytomate, die kleinste ist so groß wie eine Johannisbeere. Die Kette erinnert Buket an ihre erste prägende Erfahrung als Medizinisch-Taktile Untersucherin: „In meiner Praktikumszeit konnte ich einmal einen vier Millimeter großen Knoten ertasten, kleiner als ein Reiskorn also“, erzählt sie. „Die Ärztin konnte ihn erst beim Ultraschall und auch da nur mit Mühe sehen – es war ein unbeschreibliches Gefühl für mich.“

Die Ausbildung hat Buket Arslan erst mit 39 Jahren angefangen. Davor war sie im kaufmännischen Bereich tätig. Sie hatte eine Stelle in einem Büro, wo sie tagein, tagaus vor dem PC saß. „Wegen meiner Sehbehinderung wurde das immer mehr zu einem – auch gesundheitlichen – Problem“, so Buket. Ärzt:innen empfahlen ihr, nicht mehr als sechs Stunden am Tag vor dem Bildschirm zu verbringen. Sie kämpfte lange damit, einen passenden langfristigen Job zu finden, doch es wurden ihr nur befristete Stellen angeboten. „Ich wollte unbedingt etwas arbeiten, weil ich wusste, dass ich meine Aufgaben sehr gut und gewissenhaft erledige. Nur wollte mir niemand eine Chance geben“, erzählt sie. Sie versuchte es mit Weiter- und Umschulungen, wollte ihr Englisch aufbessern, doch keiner der angebotenen Kurse dachte blinde oder sehbehinderte Menschen mit.

„Mitlesen oder mitschreiben war gar nicht möglich, weil ich entweder gar nichts oder zu wenig sehen konnte. Da habe ich gemerkt, dass ich als sehbehinderte Frau keine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt habe. Mit der Zeit akzeptiert man seine Behinderung. Dennoch hat mich die Suche traurig gemacht und mir das Gefühl gegeben, nur ein halber Mensch zu sein. Mir fehlte etwas.“ Buket Arslan plädiert für mehr Inklusion, nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch in der muslimischen und migrantischen Community. Es brauche mehr Dialog und mehr Maßnahmen, sagt sie, um Menschen wie sie an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. „Ich wünsche mir, dass auch andere blinde und sehbehinderte Menschen ihre Berufung finden können, so wie ich sie gefunden habe.“

SEHBEHINDERUNG IN ETAPPEN
Das Patientinnenzimmer in der Kreuzberger Frauenarztpraxis, wo sie arbeitet, ist groß, hell und gemütlich eingerichtet. Buket Arslan rückt ihren Laptop und ihr Handy zurecht, überprüft ein letztes Mal noch den Zettel mit den Namen der Patientinnen, die untersucht werden sollen. Das Interesse an diesen Untersuchungen wächst – und das Angebot auch. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland 42 MTU. Ausgebildet wurden sie vom Unternehmen Discovering Hands, das sehbehinderte und blinde Frauen in neun Monaten zu ärztlichen Assistentinnen in der Früherkennung von Brustkrebs ausbildet. Im theoretischen Teil der Ausbildung wird nicht nur das Tastverfahren erlernt. Auf dem Lehrplan stehen auch medizinisches Basiswissen, alles rund um Brustgesundheit sowie Grundkenntnisse therapeutischer und diagnostischer Methoden. Im anschließenden Praxisteil wenden die Frauen ihre Kenntnisse in Arztpraxen oder Kliniken an. Der Clou: Bereits nach einem Assessment der erforderlichen Qualifikationen bekommen die angehenden MTU einen Arbeitsvertrag – ein Arbeitsplatz ist ihnen damit fix.

Hände, die Leben retten: Was sie imstande ist zu leisten, begriff Buket Arslan in ihrer Ausbildungszeit zur Tumorfahnderin, als sie bei einer Patientin einen vier Millimeter großen Knoten entdeckte.

Buket Arslan hat einen 16-jährigen Sohn, den sie allein erzieht. Dass sie eine Familie gründen und einen Job finden würde, der sie erfüllt, hätte sie sich als Jugendliche nicht zu träumen gewagt. Damals begann sich Bukets Sehbehinderung immer stärker bemerkbar zu machen. Ihr linkes Auge schielt seit der Geburt, sie konnte immer schon nur schlecht damit sehen. In ihrer Kindheit hatte sie bereits Operationen an dem Auge, gestört hat sie das aber nicht – das rechte Auge war schließlich gesund. „Von einem Tag auf den anderen war plötzlich alles anders“, erzählt sie mit ruhiger Stimme, ihre Hände spielen mit dem Kugelschreiber auf dem Tisch. Sie erinnert sich an einen Familienurlaub in der Türkei im Alter von 22: Sie nahm ein Buch zur Hand, wollte lesen, aber es ging einfach nicht. „Die Buchstaben waren extrem verschwommen, und ich dachte, dass ich wohl eine Brille brauchen werde“, erzählt sie. Zurück in Deutschland, bekam sie die Diagnose Makuladegeneration. Das ist eine Erkrankung der Netzhaut, die in der Regel nur bei Menschen in sehr hohem Alter auftritt und eine fortschreitende Sehschwäche bewirkt. „Ich war jung, hatte vieles vor in meinem Leben, war mitten in meiner Abschlussprüfungsphase im kaufmännischen Bereich, und plötzlich ist eine Behinderung da“, erinnert sich Buket. Sie zog sich daraufhin zurück, sprach nicht mehr mit Freundinnen, wollte mit dem Umfeld nichts mehr zu tun haben. In der Retrospektive sagt sie, dass das alles ohne ihre Familie und ohne ihren Glauben auch ganz anders hätte ausgehen können.

„Es war ein schlimmer Schock für mich, es hat lange gedauert, bis ich das verdauen konnte“, sagt Buket. „Zwei Jahre vielleicht.“ Wie es sich anfühlt, eine 100-prozentige Sehkraft zu besitzen, weiß sie mittlerweile gar nicht mehr, zu lange sei das schon her. „Große Gegenstände, aber auch Umrisse und Farben erkenne ich noch. Aber da, wo das Gesicht sein sollte, sehe ich nur einen schwarzen Fleck.“ Knoten in der Brust sieht sie hingegen ganz klar. Die Ausbildung bei Discovering Hands hat Buket zu mehr Selbstbewusstsein verholfen. „Draußen brauche ich Hilfe, aber hier in der Praxis bin ich diejenige, die Hilfe anbietet, und das erfüllt mich“, sagt sie.

BEWUSSTSEIN SCHAFFEN
Fast aber hätte sie den Weg in diesen Beruf dann doch nicht eingeschlagen. Die Ausbildung bedeutete für sie eine enorme Herausforderung – zum einen, weil der medizinische Bereich für sie komplettes Neuland war, zum anderen, weil es nun einmal um Brüste fremder Frauen ging. Ihre Schwester ermutigte sie, dem Ganzen eine Chance zu geben und es einfach zu probieren. Buket schloss die Ausbildung nach einem Jahr mit Bestnote ab. Mittlerweile, sagt sie, empfinde sie „mehr Respekt“ für die weibliche Brust. Für Buket ist die Brust zum Forschungsobjekt geworden, ein Organ mit unterschiedlichen Gewebearten, die sie mit den Fingern erkundet.

Bei einer Medizinisch-Taktilen Untersuchung werden an der Brust Klebestreifen angebracht, die aussehen wie Maßbänder, an denen sich die Untersucherinnen orientieren können. Diese Bänder sind mit Brailleschrift, also der Punktschrift für sehbehinderte und blinde Menschen, versehen. Danach wird die Brust systematisch und penibel in kreisenden Bewegungen abgetastet, kein Zentimeter wird ausgelassen. Abschließend wird der Befund der MTU an eine Fachärzt:in übergeben, die daraufhin, falls nötig, weitere diagnostische Maßnahmen anordnet. Eine Untersuchung dauert zwischen 45 Minuten und einer Stunde. Zysten, gut- und bösartige Tumore sowie andere Veränderungen fühlen sich unterschiedlich an: „Zysten sind sehr glatt und fest, aber sehr schmerzhaft und können sich für mich manchmal auch spitz anfühlen. Ein gutartiger Tumor fühlt sich wie eine Perle an, rund, oval, glatt, beweglich und verschiebbar, ein bösartiger dagegen lässt sich nicht verschieben und ist richtig fest, wie ein Kirschkern oder eine Erbse.“ Man könne Knoten auch mit Gummibärchen vergleichen, sagt Buket, „dieses gleichzeitige Gefühl von hart und weich“.

Allein in Deutschland erkranken laut Discovering Hands jährlich 70.000 Frauen an Brustkrebs, in Österreich liegt die Zahl bei 5000 Fällen, die Tendenz ist jedoch steigend. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland werden Frauen einmal jährlich von Frauenärzt:innen auf Brustkrebs untersucht. Gesetzlichen Anspruch auf Mammographien haben Frauen in Österreich und Deutschland erst ab einem Alter von 45 beziehungsweise 50, dabei sind auch jüngere Frauen immer häufiger von Brustkrebs betroffen. Angebote zur Früherkennung sind noch nicht genug vorhanden, diese Lücke im deutschen Gesundheitssystem versucht Discovering Hands zu füllen.

Instrumente von Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen:
rot-weiße Orientierungsstreifen, Kugelkette zum Größenvergleich, trainierte Hände.

Die Zahl der Musliminnen, die das Angebot in Anspruch nehmen, ist Buket Arslans Erfahrung nach eher gering. Nach Abschluss der Ausbildung war sie davon ausgegangen, dass sich mehr Musliminnen von ihr untersuchen lassen würden, weil diese zu ihr – als Hijabi – womöglich leichter Vertrauen aufbauen würden. Doch das war nicht der Fall. Es kann daran liegen, dass die Medizinisch-Taktile Untersuchung allgemein noch nicht so bekannt ist. Es könnte aber auch andere Gründe geben. „Ich habe das Gefühl, dass gerade Frauen aus dem arabischen oder türkischen Raum wenig auf sich, ihren Körper und ihre Gesundheit achten“, sagt Buket nachdenklich. Dabei wäre es wichtig, genau das zu tun. „Ich frage diese Frauen dann oft, wer denn auf ihre Kinder achten soll, wenn sie selbst erkranken. Bei einem Druckabfall in einem Flugzeug zieht man sich auch zuerst selbst die Sauerstoffmaske über, bevor man einem Kind hilft“, zieht die Medizinisch-Taktile Untersucherin einen dramatischen Vergleich. „Man muss sich diese Zeit für den eigenen Körper und die Gesundheit nehmen“, fordert sie mit Nachdruck.

Nur einmal im Jahr zur Krebsvorsorge zu gehen, reiche nicht, meint Buket Arslan. Die Selbstuntersuchung zu Hause – jeden Monat nach der Periode – sei essenziell, um die eigene Brust kennenzulernen und somit Veränderungen besser wahrnehmen zu können. Das sei auch nötig, um falsche Selbstdiagnosen zu vermeiden. „Die meisten Frauen kommen zu uns, weil sie Schmerzen in der Brust haben, dabei sind Schmerzen ein gutes Zeichen, weil das oft einen Tumor ausschließt.“ Die häufigsten Schmerzen in der Brust zeugen von zu langem Sitzen vor dem Laptop, Fahrradfahren, Rückenschmerzen oder schlecht sitzenden BHs. Aber Buket Arslan hat auch Verständnis für eine gewisse Nachlässigkeit bei der Sorge um sich selbst. Auch sie hat sich vor ihrer Ausbildung nicht intensiv mit den eigenen Brüsten oder der Krebsvorsorge auseinandergesetzt. Heute ist ihr kein Thema wichtiger. Auch bei den Frauen in ihrem eigenen Umfeld setzt sie sich für ein größeres Bewusstsein für Brustkrebs und die Gesundheit der Brust im Allgemeinen ein. „Die wussten anfangs auch nicht genau, was ich als MTU eigentlich mache. Mittlerweile haben sie aber verstanden, dass es um eine sehr ernste Sache geht. Sie lassen sich nun regelmäßig untersuchen und suchen den Austausch mit mir“, erzählt sie. Ein riesiger Erfolg sei das, weil sie es geschafft habe, diese Frauen durch Zureden zu erreichen. Damit will sie auf jeden Fall weitermachen. Da sind sie wieder: das scheue Lächeln und das Funkeln in den Augen.

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